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Vorwort

Nehmt es freundlich auf, Ihr Lieben, das Büchlein, das ich Euch heute bringe, und das Euch gewidmet sein soll als ein Zeichen dankbarer Gesinnung. Sind es doch schon mehrere Jahre, dass ich in Eurer Mitte das Glück des Nehmens und Gebens geniessen darf in manchem anregenden und fördernden Gespräche bei fast täglicher Lebensgemeinschaft. In so vielem, was die Hauptfragen unseres Schaffens angeht, wissen wir uns einig; einig wissen wir uns zumal in der unbegrenzten Verehrung und der das Grab überdauernden Liebe zu unserem unvergesslichen Richard Richter. Er hat den Funken der Begeisterung zu unserem herrlichen Berufe, der in uns schlummerte, mächtig angefacht von dem Tage an, da wir zum ersten Male als junge Studenten dem Zauberflusse seiner Rede lauschten. Und als an jenem lachenden Pfingsttage, dessen Sonnenschönheit in solch bitterem Gegensatz stand zu der Wehmut unseres von Trauer zerrissenen Innern, was an Richter sterblich war, zur letzten Ruhe bestattet wurde, da hat jeder von uns, das weiss ich bestimmt, sich gelobt, weiter wirken zu wollen in seinem Geiste und dessen würdig zu bleiben, was wir in schönen Jahren von Richard Richter empfangen haben. Ja bleiben wir ihm treu, dem Manne, dessen Namen die Guten mit Ehrfurcht und inniger Dankbarkeit nennen.

So haben wir in frohen Tagen wie in der schweren Zeit der Trauer innig zu einander gehalten. Möge Euch das Büchlein, das ich Euch nun in dankbarer Gesinnung vorlege, ein wenig von der Freude bereiten, die ich bei der Arbeit empfunden habe.

Ihr, die Ihr um die Entstehungsgeschichte des Büchleins wisst, erwartet von mir nicht ein Werk im Sinne pedantisch-ängstlicher Philologie. Nicht, weil es mich drängte, eine philologische Arbeit zu liefern, habe ich diese Ausgabe besorgt, sondern nur um das Gedicht als solches war es mir zu thun: es schien es mir reichlich zu verdienen, eine zwar umfassende, aber nicht bis in die tiefsten Tiefen philologischer Minierarbeit hinabsteigende Erklärung zu finden. Dabei lege ich viel Wert gerade auf das Wort “Erklärung'.

Sie ist in unserer Zeit auffällig vernachlässigt worden. Schon
im Jahre 1893 klagt ein kompetenter Beurteiler der römischen
Elegie, K. P. Schulze, in einem Berliner Programm über die auf-
fallende Thatsache, dass in Deutschland seit Jahren so viel kritische
Ausgaben der römischen Elegiker und so wenig erklärende er-
schienen sind'. Die vorliegende Arbeit will einen bescheidenen Bei-
trag zur Erklärung Ovids liefern. Gerade aber die Ars Amatoria,
unübertroffen durch geistvoll spielenden Witz und durchdrungen
von feinster Psychologie, anziehend an sich und höchst interessant
durch die reichen und lohnenden Ausblicke auf die Kultur- und
Sittengeschichte einer Weltstadt, verdient eine geschmackvolle Inter-
pretation. Zu oft tappt der Leser der Ars im Dunkeln: sei es nun,
dass er das Gedicht um seiner selbst willen lesen will, so wird er
oft aufgehalten durch die Fülle von Anspielungen auf Antiquitäten,
Kultus, Mythologie, die er sich erst notdürftig zurecht suchen muss,
um doch bei sehr vielen Stellen unbefriedigt zu bleiben, oder dass
er das Gedicht benutzen will zu näherer Kenntnis einer kultur-
geschichtlich höchst interessanten Zeit, so fehlt es auch hier immer
wieder an dem notwendigen Material. Aus solchen Erwägungen
heraus ist das Buch entstanden, nur für die eben skizzierten Klassen
von Lesern ist es geschrieben, aber nichts lag mir ferner als der
Gedanke, einen das letzte und abschliessende Wort in der Er-
läuterung der Liebeskunst sprechenden Kommentar zu schaffen.
Mir kam es zunächst einmal darauf an, das Rohmaterial zu ver-
arbeiten, das Gedicht so zu erklären, wie es uns vorliegt, und
andere sehr wesentliche Untersuchungen, wie z. B. die Darstellung
der Beziehungen der Ars zur Komödie müssen anderen Arbeiten
vorbehalten werden. Damit hängt es auch zusammen, dass ich
mich nicht entschliessen konnte, gleichzeitig mit der Ars eine Be-
arbeitung des unter dem Namen medicamina faciei auf uns ge-
kommenen Fragmentes und der remedia amoris zu unternehmen.
Ovid hat seinen Lesern die drei Werke auch nicht als ein unbedingt
zusammengehöriges Ganze vorgelegt, sondern gab die Ars als ein
selbständiges und für sich durchaus bestehendes Kunstwerk heraus.
Ich vermag schlechterdings nicht einzusehen, warum man nicht in
demselben Sinne die Ars für sich allein herausgeben und inter-
pretieren dürfte. Dass dabei die beiden anderen Gedichte nicht
ignoriert werden, versteht sich natürlich von selbst: aber ebenso
selbstverständlich ist es, dass nicht der Kommentar der Ars das
Verhältnis dieses Gedichtes zu den Remedia bis ins kleinste zu ver-
folgen hat, sondern dass es einer Bearbeitung der Remedia vor-
behalten bleiben muss, darzustellen, wie sich diese Pseudopalinodie
zu der eigentlich originellen Schöpfung, der Ars, verhält. Oder um
mich noch klarer auszudrücken: Ich habe mich schlechterdings
nicht dazu entschliessen können, die Ars zum Gegenstande eines
philologischen Kommentars in herkömmlichem Sinne zu machen,
vor allem ängstlich bemüht, nur gar keine Beziehung zu übersehen,

sondern ich beabsichtigte, das Verständnis und vor allem den poetischen Genuss des einzig dastehenden Gedichtes zu fördern. Im übrigen muss meine Arbeit für sich selbst sprechen.

Noch während ich mit der Abfassung des Büchleins beschäftigt war, habe ich die eine und andere Stimme von sehr urteilsfähigen Männern vernommen, dahingehend, ob es nicht etwas bedenkliches und höchst riskantes sei, das vielberüchtigte Buch einer Spezialbehandlung zu unterziehen. Dafür fehlt mir das Verständnis. Meiner Ansicht nach liegt die Sache so. Entweder ist die Ars vom poetischen Standpunkte aus betrachtet wertvoll oder sie ist es nicht. Im letzteren Falle würde ich mich nie zu einer Bearbeitung dieses Stoffes haben entschliessen können. Ist aber die erste Annahme richtig, so liegt nicht das mindeste Bedenken vor, das Verständnis eines poetisch höchst wertvollen Gedichtes zu fördern. Was ist es überhaupt, was an dem übermütigen Büchlein Anstoss erregen kann? Sicherlich nicht die paar schlüpfrigen Stellen, oder wie Ribbeck (R. D. II 2 263) sagt, die „Delikatessen am Schluss des zweiten und dritten Buches". Sicherlich nicht diese, denn sie lassen sich leicht eliminieren, wie denn auch die Übersetzer sie zumeist ausgelassen haben. Wer also von ihnen wirklich eine ernste Gefährdung seiner Moral fürchtet, mag sie getrost auch in der vorliegenden Ausgabe überspringen (II 703—732. III 769–808). Nein, was wirklich Anstoss erregen șann, wäre der Ton, auf den das ganze Gedicht gestimmt ist, der Ton lüderlicher Frivolität, der das Gedicht in genialer Weise durchzieht. Nun Ovid selbst hat ja den Übermut seiner Jugend schwer büssen müssen, und das Jammern und Winseln seiner Dichtungen aus der Tomizeit könnte ja den engherzigen Moralisten mit dem so wohligen Gefühle selbstherrlicher Genugthuung erfüllen. Mir war bei der Lektüre der Ars immer das massgebend, dass wir hier ein poetisches Spiel feinsten Witzes haben, ein Kabinetstück geistvollen Scherzes, das man unbedenklich als Ovids gelungenste Schöpfung bezeichnen kann. Viel noch liesse sich anführen, um eine Bearbeitung dieses Stoffes bedenklichen Gemütern plausibel zu machen: doch wozu? Nur das eine möchte ich noch sagen. Höchst angenehm überrascht wurde ich, als am Schluss des vorigen Jahres die Übersetzung der Liebeskunst von Hugo Blümner erschien. Wenn er es riskierte, das verrufene Büchlein in freier Übertragung einem grossen Publikum vorzulegen, darf man wohl auch einem engbegrenzten Kreise von Fachleuten eine Bearbeitung des Gedichtes zumuten. Doch nun genug. Karl August Böttiger, der Gymnasialdirektor von Weimar, der Mann mit der nimmer rastenden Feder, mag hierin das letzte Wort sagen. Er sagt in seiner Sabina (Leipzig, Göschen 1803) auf Seite 40:

Übrigens verdienet diese Kunst zu lieben wegen ihrer wahren Originalität und als das lebendigste Sittengemälde des Augusteischen Roms gewiss einen weit höheren Rang unter dem wenigen, was die Camönen nicht bloss durch griechischen Mund den römischen Sängern

offenbarten, dass nur eine einseitige und engbrüstige Moral bis jetzt eine klassische Bearbeitung dieses in seiner Art einzigen Lehrgedichts verhindern konnte."

Der vorliegenden Ausgabe liegt der Text zu Grunde, wie ihn Ehwald in seiner bei Teubner erschienenen Bearbeitung gegeben hat. Kritische Bemerkungen sind im Kommentar selbst fast gar nicht zu finden; wo es unbedingt erforderlich war, ist im Anhang das Nötige kurz angegeben: die vorliegende Ausgabe verzichtet, um dies nochmals nachdrücklich hervorzuheben, auf die Kritik und will nur das Verständnis des einmal vorhandenen Textes fördern. In den Anhang verwiesen sind Ausführungen des im Kommentar Gegebenen, Zusätze dazu und weitere litterarische Nachweise.

Und nun tritt deine Reise an, Ovids zierliches Büchlein in neuem Gewande. Komm zu denen, für die dieses Gewand zurecht geschnitten ist, und sieh zu, ob du bei ihnen freundliche Aufnahme findest.

Leipzig, Pfingsten 1902.

Dr. Paul Brandt.

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