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von späteren Ereignissen den Maßstab für frühere Geschehnisse herüberzunehmen.

Aber das wichtigste in einer derartigen Zusammenfassung ist die eigentliche Charakterzeichnung des Helden, die sich jetzt vernotwendigt; die psychologische Motivierung seines Denkens und Tuns. Dabei ist in den meisten Fällen wieder eine Anlehnung an antike Muster nicht zu verkennen, wie bei Macbeth und Margarete an die Tarquiniussage des Livius. Der Held wird jetzt Mittelpunkt der Darstellung, der treibende Faktor in allen Geschehnissen. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Margarete und Richard. Jene wird jetzt die aktive Ursache aller Kriegsgreuel, die eigentliche Friedensstörerin, der böse Genius Englands, dieser nicht nur die Hauptfigur, sondern auch der Anstifter in allen Ereignissen seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges.

Die Darstellung selbst läßt sich von einer allgemeiner Idee tragen, von einem bestimmten geschichtsphilosophischen Gedanken durchziehen, auf den alles abgestimmt wird, wobei dann auch wieder antike Reminiszenzen im Spiel sind. So wird sowohl in der Sage von Margarete als auch in der von Richard das Motiv der göttlichen Rache ganz besonders betont: jedes Verbrechen findet seine Sühne, die Tragik des Lebens wird als die gerechte Strafe des Himmels hingestellt. Andererseits ist es das unerbittliche Schicksal, das Richard immer tiefer dem Verbrechen in die Arme treibt, so daß es für ihn kein Entrinnen mehr gibt: eine Auffassung, die zumeist dem Seneca entlehnt ist. Ganz ähnlich verhält es sich bei Macbeth: bei ihm zieht ein Verbrechen immer ein neues nach sich, bis schließlich das Maß seiner Untaten erschöpft ist, und auch ihn die Strafe des Himmels ereilt.

Zu einer derartigen Zusammenfassung und Darstellung waren natürlich nur Männer mit humanistischer Bildung und geschichtsphilosophischem Verständnis fähig. Eingehende Kenntnis der antiken Literatur und besondere Belesenheit in den römischen Historikern, vor allem in Livius, können

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wir in der Tat bei allen denen konstatieren, denen wir die erste Zusammenfassung aller sagenhaften Elemente und die erste psychologische Charakterzeichnung des Sagenhelden zu verdanken haben: bei dem humanistisch gebildeten Matthaeus von Paris, der uns das erste geschlossene und einheitliche Bild von der Sagengestalt Alfreds liefert; weiter bei dem schottischen Gelehrten und Historiker Hector Boëthius, dem Mitbegründer und ersten Rektor der Universität Aberdeen, der der Sage von Macbeth ihre endgültige Gestalt gab; und schließlich bei Polydor Vergil, jenem humanistisch gebildeten Geistlichen aus Italien, dem ersten Vertreter der Renaissance-Geschichtsschreibung in England, der die Sagen von Margarete und Richard zum endgültigen Abschluß brachte. Bei der Sage von Heinrich V. kann

von einer Zusammenfassung im obigen Sinne durch einen Gelehrten und Historiker nicht reden, da, wie wir gesehen, die einheitliche psychologische Charakterzeichnung erst Shakespeares Werk ist; alle Vorgänger scheiterten an dem Widerspruch zwischen dem der Ausschweifung ergebenen Thronfolger und dem späteren Musterkönig.

Von der Zusammenfassung und Verschmelzung aller sagenhaften Elemente zu einem einheitlichen Bilde des Helden ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur ersten künstlerischen Darstellung der Sage in Novelle, Roman, Epos oder Drama. Sämtliche Königssagen soweit sie überhaupt poëtisch behandelt wurden - sind zuerst in dramatischer Form künstlerisch zur Darstellung gelangt: Alfred zuerst in einer lateinischen Tragikomödie in Versen von William Drury 'Alvredus sive Alfredus, Tragi-Comoedia', gedr. Douay 1620; Macbeth und Margarete zuerst bei Shakespeare; Heinrich V. in dem vor-Shakespeareschen Drama The Famous Victories', und Richard III. in dem lateinischen Drama des Dr. Legge 'Richardus Tertius.

Alle diese Dramen lehnen sich mehr oder weniger eng an schon vorhandene Bühnenformen an.

Drury's Alvredus – um sie einzeln durchzugehn -- ist eine sonderbare Kombination von Alfreds Leben mit Scenen, die offenbar aus lateinischen Komödien des Plautus und Terenz geflossen sind; eine im Stücke auftretende Person heißt geradezu ‘Miles Gloriosus'. Drury, der Lehrer der Poetik und Rhetorik an der Englischen Schule in Douay war, hatte das Stück in erster Linie für Schüleraufführungen bestimmt und lehnte sich dabei in seiner Technik an die römischen Komödiendichter an.

Shakespeares Macbeth ist, wie es scheint, nicht ohne Einwirkung der Oxforder Begrüßungspageants entstanden: die Studenten vom St. Johns College hatten im Jahre 1605 ihre Gratulation an Jakob I. den Hexen in den Mund gelegt, wie das ja auch Shakespeare in des vierten Aktes erster Szene getan hat.

Für die Gesamtgestaltung Margaretas, sowie für die Vergeltung, die sie findet, hatte Shakespeare die Medea-Gestalt vor Augen. Erst unter dem Einfluß der antiken Tragödie wächst sie sich zu einer Wilden aus. Aber auch noch andere literarische Vorbilder haben hier mitgewirkt: die Liebschaft Margaretens zu Suffolk hat Shakespeare unter dem Einflusse der Bühnentradition der buhlerischen Königinnen ausgeführt. Als Muster haben hier besonders gedient: Klytemnestra im 'Agamemnon' und 'Horestes', Guinevra in den Misfortunes of Arthur', Katharina von Medici in Marlowes Massacre of Paris' und Isabella in Marlowes 'Edward II'. Das Verhältnis Margaretas zu Heinrich VI. zeigt Reminiszenzen an das Verhältnis von Medea zu Jason in Senecas Medea'.

Dr. Legges Richardus Tertius' zeigt in Stoff und Form eine starke Anlehnung an Seneca. Auf die Charakterschilderung Richarıls ist der Tyrannentypus bei Seneca von wesentlichem Einfluß gewesen. Richard ist ein Tyrann nach Muster der Lycus und Eteokles. Auch Stil und Technik des Stückes erinnern lebhaft an den römischen Tragiker.

Bei den Famous Victories' war die Gestaltung des Helden nach Muster der Dramen vom verlorenen Sohn unverkennbar.

Zum Schluß noch ein Wort über Shakespeares Stellung zur alten Sage. Er greift zur Sage nach dem klassischen Muster Senecas. Kein Engländer vor ihm hatte dargestellt, daß die Sünde der Väter an den Kindern gestraft werde, sich wie ein Fluch vom Vater auf den Sohn fortpflanze.

Shakespeare machte dies allmählich zum Grundgedanken der Königsdramen und lieh ihnen dadurch innerliche Bedeutsamkeit. Er nützte die überirdischen Elemente, die an den Sagengestalten zu haften pflegen, die Weissagungen, Unheilsverkündigungen, Geister, um uns in eine höhere Sphäre zu versetzen, in der jedes Einzelwesen typischen Gehalt bekommt.

So sehen wir denn auch, daß der Dichter bei der Benutzung dieser Stoffe die sagenhaften Motive durchaus bevorzugt, das historische Element dagegen zurücktreten läßt. Die Charaktere von Macbeth, Heinrich V., Margareta und Richard sind bei Shakespeare nicht die geschichtlichen, sondern die von der Sage geprägten und der Sphäre der Wirklichkeit entrückten. Ja, der Dichter geht häufig noch darüber hinaus! Er steigert in Macbeth, Margarete und Richard das Wilde und Dämonische, indem er sie noch mehr anschwärzt und ihre Schuld durch Potenzierung der unmenschlichen und grausamen Züge noch mehr vergrößert, als es die Sage schon vor ihm getan hatte. Alles was dagegen zur Entschuldigung ihrer Untaten dienen könnte, wird unterdrückt. So ist z. B. die Tat Macbeths nicht mehr, wie bei den Chronisten, aus beleidigtem Rechtsgefühl hervorgegangen, noch ist sie ein Racheakt für getäuschte Hoffnungen; er hat kein Anrecht auf den Thron, noch ist er von Duncan gekränkt worden. Auch erschlägt er im König den Gast und verletzt so auch noch das Gastrecht.

Die Mythen über Heinrichs Jugend werden mit besonderer Betonung der komischen Partien weit mehr in den Vordergrund gerückt als in den Quellen.

Aber auch sonst steigert und vermehrt der Dichter die magischen Elemente und Faktoren, die ihm die Quellen boten. Bei den Hexen in Macbeth drängt sich das Boshafte und Dämonische ihres Wesens weit mehr in den Vordergrund, in Richard III. werden die den König vor der Entscheidungsschlacht heimsuchenden Geister der Erschlagenen wirklich auf die Bühne gebracht.

Eine weitere Eigentümlichkeit in der Behandlung und Verwertung der alten Sage bei Shakespeare ist die von ihm stark ausgebildete Kunst der Kontrastfiguren. Der Hauptperson stellt er häufig ein oder mehrere andere Gestalten gegenüber, die zu ihr in schneidendem Gegensatz stehen. Dem grausamen, vor keiner Untat zurückschreckenden Macbeth steht einerseits der milde, wohlwollende Duncan, andererseits Banquo gegenüber, der nicht, wie Macbeth, in seinem Ehrgeiz von dem Pfade der Ehre abirrt; er ist vielmehr ein durchaus ehrenwerter Charakter, erfüllt von jenem Ehrgeiz, der nur in der wahren Ehre seine Schranken findet.

Heinrich V. steht, wie wir gesehen, zu zwei Personen im Gegensatz, zu Percy und Falstaff.

Margarete bildet in ihrer Aktivität den deutlichen Gegenpol zu dem vollständig passiven König, und schließlich steht auch der die Hoffnung auf Ruhe und Frieden verkörpernde Richmond im wohltuenden Gegensatz zu dem tyrannischen und grausamen Richard.

Schließlich sei noch der Vorliebe Shakespeares gedacht, in seinen Historien gelegentlich einen Blick auf die Gegenwart zu werfen.

Ganz deutlich tritt dies in Macbeth, Heinrich V. und Richard III. zu Tage.

Die Erscheinung der acht Könige aus Banquos Geschlecht und die Anspielung auf die Vereinigung Englands, Schottlands und Irlands unter dem Szepter der Stuartkönige ist eine Huldigung an Jakob I.; in Heinrich V, wird einer starken 'front-policy' gegen Frankreich das Wort geredet und dabei die politischen Bestrebungen der Essex Partei gestreift und Richard III. schließt mit einem deutlichen Kompliment für Elisabeth, daß sie die Bürgerkriege verhindere und das Land mit mildem Frieden segne.

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