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apostrophiert, die Entwicklungsreihen, die während der langen geologischen Perioden zur Umwandlung eines tierischen Typus in einen anderen führten?

Lange mussten sich die Anhänger der Entwicklungslehre fast darauf beschränken auf die Thatsache hinzuweisen, dass unser Wissen über die Lebewelt früherer Aeren der Erdgeschichte mit den Annahmen der Entwicklungslehre nicht im Widerspruch stehe, dass also aus ihm nicht eine Waffe gegen die Lehre geschmiedet werden könne, wenn schon dieses Thatsachenmaterial zunächst nicht soviel erkennen ließ, als man wünschen mochte. Denn es ist ein recht lückenhaftes Werk, das dem Schoße der Erde enthobene Buch von der Pflanzen - und Tierwelt.

Im Laufe der 70iger Jahre wurde aber auch in das letzte Fort der Gegner der natürlichen Entwicklung der Arten Bresche geschossen. Eine ungeahnte, ans Wunderbare grenzende Fülle von tierischen Versteinerungen wurde aus dem Westen Nordamerikas bekannt. Hier fanden sich die lange vermissten zusammenhängenden Entwicklungsreihen, die von den Gegnern verlangt wurden, die oft recht extreme Gestalten verbanden. Hier fand sich, um an das berühmteste Beispiel anzuschließen, die Entwicklungsreihe, welche vom Eohippus des ältesten Eocän zum Equus der Gegenwart führte. „Das verstehe ich, sagt Huxley in seinen erwähnten New-Yorker Vorträgen, unter einem Beweise für die Entwicklung. : Die Entwicklungslehre hat gegenwärtig eine ebenso sichere Grundlage wie die Copernicanische Theorie von den Bewegungen der Himmelskörper zur Zeit ihrer Aufstellung. Ihre logische Basis ist genau derselben Art, die Uebereinstimmung der beobachteten Thatsachen mit den theoretischen Forderungen.“

Dem Biologen liegt es nahe die Erkenntnisse der Naturgesetze der Biologie unmittelbar auf die menschlichen Verhältnisse zu übertragen. Dass ein so regsamer Geist wie Huxley auch auf dem naturwissenschaftlich beleuchteten socialpolitischen Gebiete sich versuchte, kann uns nicht überraschen. Eine Verfolgung dieser Thätigkeit, seiner Darstellung der Beziehungen zwischen natürlichem und sittlichem Recht, seiner Anschauungen über den liberalen Nihilismus etc. führte uns aber auf Bahnen, die außerhalb der von uns verfolgten Ziele liegen.

Auch nur die Skizze seiner Lebensthätigkeit zeigt uns, wie innig er mit der Sturm- und Drangperiode der heute die Biologie beherrschenden Entwicklungslehre verbunden ist, sodass sein Name dauernd mit dem Darwin's verknüpft erscheint. Solange Darwin als Reformator in der Geschichte der Biologie fortleben wird, solange wird Huxley dabei als einer seiner treuesten Freunde und erfolgreichsten Mitarbeiter gefeiert werden.“

• Mit Huxley's Worten, die seine autobiographische Skizze beschließen, wollen wir auch dieses Lebensbild enden lassen, da sich in ihnen sein edler Charakter in schönstem Glanze wiederspiegelt. „Es will mir nicht passend scheinen, von meinem Lebenswerk zu reden und am Abend zu sagen, ob ich meinen Tagelohn verdient zu haben glaube oder nicht. Die Menschen sind, wie man sagt, geneigt sich selbst parteiisch, zu beurteilen; bei jungen Leuten mags der Fall sein, doch ich glaube nicht, dass die Alten es thun. Das Leben zeigt sich ihnen, wenn sie zurückblicken, in der schrecklichsten perspektivischen Verkürzung. Der Berg, den zu erklimmen sie sich in der Jugend vornahmen, erweist sich, sobald sie außer Atem die Höhe erreicht haben, nur als ein Vorsprung unermesslich höherer Gebirgsketten. Wenn ich aber von den Zielen sprechen darf, die ich mehr oder weniger bestimmt vor mir hatte, seit ich meinen kleinen Berg zu ersteigen begann, so waren es, kurz ausgedrückt, diese: die Zunahme der naturwissenschaftlichen Kenntnisse zu fördern und für Anwendung der wissenschaftlichen Forschungsmethode auf alle Probleme des Lebens zu thun, was in meinen Kräften stand, in der Ueberzeugung, dass es keine andere Linderung für die Leiden der Menschheit gibt als Wah; haftigkeit im Denken und Handeln und ein beherztes Anschauen der Welt, wie sie ist, wenn die Hülle des Scheins, mit der fromme Hände ihre hässlichen Seiten verkleidet haben, ihr abgestreift ist. Weil ich diesem Ziele nachging, habe ich jeden – berechtigten oder unberechtigten – Ehrgeiz, den ich mir gestattet haben mag, stets anderen Interessen untergeordnet: der Populasierung der Wissenschaft; der Entwicklung und Organisation der wissenschaftlichen Bildung; den endlosen Kämpfen und Scharmützeln über die Entwicklungslehre und der unermüdlichen Opposition wider den kirchlichen Geist, der in England, wie auch überall anderswo und welcher Glaubensgemeinschaft er angehören mag, der Todfeind der Wissenschaft ist.

In dem Bestreben, diese Ziele zu erreichen, war ich einer von vielen und es genügt mir, wenn ich als solcher in der Erinnerung einen Platz erhalte — oder auch nicht erhalte. Durch Umstände, zu denen ich mit Stolz das innige Wohlwollen vieler Freunde rechne, bin ich zu verschiedenen hervorragenden Stellungen gelangt. Es bieße falsche Bescheidenheit zur Schau tragen, wenn ich trotzdem behaupten wollte, ich hätte keinen Erfolg in der Laufbahn gehabt, die ich mehr auf äußeren Antrieb als aus eigener Wahl eingeschlagen habe;. aber ich könnte selbst alles das nicht als Zeichen eines Erfolges betrachten, wenn ich nicht hoffen dürfte, nach meinen Kräften an der geistigen Bewegung mitgearbeitet zu haben, die man treffend die „Neue Reformation“ genannt hat.“

Robert Keller (Winterthur).

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Iris pallida Lam., abaria'), das Ergebnis einer auf Grund atavistischer Merkmale vorgenommenen Züchtung und ihre

Geschichte.

Von E. Heinricher. Die Blüten der Irideen wurden theoretisch stets von einer nach Lilientypus gebauten Stammpflanze hergeleitet; d. h. man stellte sich vor, dass das Fehlen eines inneren Staubblattkreises bei Iris ein durch Anpassung, aus einem Vorfahren, welcher beide Staubblattkreise besaß, allmählich entstandener Charakter sei.

Im Jahre 1878 beobachtete ich im Grazer botanischen Garten einen Stock der Iris pallida Lam., welcher in seinen Blüten die Glieder dieses theoretisch geforderten, inneren Staubblattkreises nun wirklich zur Ausbildung brachte, eine Erscheinung, die man füglich wohl als Rückschlag bezeichnen muss. Wie die sechsjährige Beobachtung dieses Iris-Stockes ergab, waren wechselnd zwischen 10—30 Prozent der Blüten durch solchen Rückschlag ausgezeichnet; und zwar waren entweder nur einzelne Glieder dieses Staubblattkreises ausgebildet vorhanden, oder die volle Zahl. Auch die Ausbildungsform dieser Glieder war großen Schwankungen unterworfen; bald zeigten sie sich als verkümmerte, bald auch als vollkommen ausgebildete Staubblätter; bald waren es Staminodien, lappige, mehr oder minder blumenblattartige Bildungen, mit oder ohne Rudimenten von Pollensäcken, bald wieder mehr oder weniger vollkommen ausgebildete, narbenartige Glieder.

Seit jener Zeit habe ich diese Erscheinungen nicht aus dem Auge gelassen und dieselben insbesondere auf ihre Vererbbarkeit geprüft 2). Meine Absicht war, für den Fall, dass Vererbung eintreten würde, eventuell eine Häufung und Fixierung der Erscheinung dahin zu versuchen, dass eine Iris-Pflanze erzogen würde, mit Blüten vom normalen Aufbau einer solchen von Iris pallida (oder von I. germanica, I. florentina), nur mit dem Plus dreier Staubgefäße, jener, des bei den Ahnen als vorhanden gewesen vorausgesetzten, inneren Staubblattkreises.

Diese Versuche hatten einen teilweisen Erfolg, insofern als die Vererbung wirklich gelang und bei den Descendenten die angedeuteten Erscheinungen an einem gesteigerten Prozentsatz der Blüten auftraten. Von einer erzielten Fixierung, in dem Sinne, dass ein Individuum ständig nur Blüten der angestrebten Art entwickelt hätte, kann aber · 1) abavia, ae, die Urgroßmutter.

2) Diese Vererbungsversuche, soweit sie die Jahre 1882 – 1890 umfassen, wurden eingehend in den Pringsheimischen Jahrbüchern, Bd. XXIV, veröffentlicht: Versuche über die Vererbung von Rückschlagserscheinungen bei Planzen. Ein Beitrag zur Blütenmorphologie der Gattung Iris, 96 S., 2 Taf., 28 Holzschnitte. Dortselbst findet man S. 65 auch alle übrigen, im Gegenstande von mir veröffentlichten Arbeiten angeführt.

noch keine Rede sein. Dies nimmt übrigens weniger Wunder, wenn man beachtet, dass nicht alle künstlichen Bestäubungen, welche vorgenommen wurden, Erfolg hatten, und vor allem, dass die Entwicklung der Iris-Pflanzen aus den Samen nur langsam vor sich geht. Vom Samen bis zur blühenden Pflanze braucht es meist wenigstens 3 Jahre, So verfüge ich, trotz der langen Reihe von Versuchsjahren, erst über blühstarke Pflanzen dritter Generation.

; Fig. 1.

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Fig. 1. Normale Iris - Blüte. Was mich veranlasst über einen Teil der Ergebnisse meiner Züchtungsversuche schon jetzt zu berichten, während eine zusammenfassende Bearbeitung erst nach Ablauf eines zweiten Decenniums wieder stattfinden soll, ist die Thatsache, dass nicht nur die Vererbung des von mir Angestrebten und Erwarteten erzielt wurde, sondern, dass auch – zwar gewiss ebenfalls im Sinne eines Rückschlages zur Ahnenform eine Umänderung der Blüten in weiterreichender Art eintrat, welche

gegenüber der gewöhnlichen Form der Iris-Blüte eine sehr auffallende Umgestaltung derselben darbietet, und die ihr eine wesentlich verschiedene, fremdartige Tracht aufprägt. Von Interesse 'schien es mir, dass diese weitreichende Umgestaltung schon in der zweiten Generation aufgetreten ist, und dass durch meine Buchführung ein genauer Beleg für die Züchtung vorliegt.

Fig. 2.

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Fig. 2. Iris pallida Lam., abavia. Wollen wir vorerst die in Rede stehende Umänderung an der Hand einer Abbildung erläutern, und gehen wir von dem Holzschnitte aus, der uns die Tracht einer normalen Iris-Blüte (Fig. 1) in Erinnerung ruft). Die Blüte baut sich demnach auf aus: drei äußeren Hüllblättern (Sepalen), die nach außen umgebogen und durch einen Bart geziert sind, drei inneren Hüllblättern (Petalen), bartlos und nach oben zusammenneigend, drei Staubblättern und den drei, die Gattung Iris kennzeichnenden, blumenblattartigen Griffeln.

1) Da der Gegenstand für weitere Kreise von Interesse ist, habe ich auch ein Bild der normalen Iris - Blüte beigegeben und dieselbe kurz besprochen, was Botanikern gegenüber wohl überflüssig erscheinen wiirde.

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