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Baldamus, dass zwischen Elstern und Häherkuckucken ein fortwährendes Scharmützel stattfände, indem jene die Zudringlinge mit lautem Geschrei verfolgten. Saunders bemerkt, wie Baldamus gleichfalls mitteilt, dass die Elstern, wenn ein Kuckuck in der Nähe wäre, schwer dazu gebracht werden könnten, ihr Nest zu verlassen, während sie sonst damit nicht zauderten. Das Betragen der Pfleger gegen den Häherkuckuck und seine Eier und Jungen, sowie das des Parasiten gegen jene, ist also, wie Bald amus bemerkt, nach allem, was wir davon wissen, ein ganz ähnliches, wie wir es bei unserm Kuckuck und seinen Pflegern kennen gelernt haben, und wie es im Großen und Ganzen auch bei den übrigen parasitischen Kuckucken bekannt ist. Frith sah nach Baldamus öfter, dass das Weibchen der Glanzkrähe (Corvus splendens) den weiblichen schwarzen Guckel mit großer Heftigkeit aus seiner Nähe vertrieb, gerade so wie fast alle Pfleger der parasitischen Kuckucke zu thun pflegten. Aber gleich den andern Pflegern nähmen die Krähen die untergeschobenen Kuckuckseier an und schützten und pflegten die jungen Eindringlinge. Endlich fand Allan Hume nach Baldamus, dass die Krähen die Aufdringliche von ihren Nestern vertreiben. Die Pfleger der Kuhstärlinge freuen sich nach Baldamus durchans nicht über das fremde Ei. Im Gegenteil, wie die altweltlichen Pfleger verriethen auch die neuweltlichen unverkennbar Schreck, Angst und Furcht bei der Entdeckung des fremden Eies. Potter sage, dass alle heimgesuchten Vögel wohl mehr oder weniger Bekümmernis zeigten, wenn sie ein Kuhstärlingsei in ihrem Neste fänden. Der sogenannte amerikanische Sperling (Spinites socialis) nehme die Sache sehr ernst. Er zirpe zuweilen zwei Tage lang seine Klage und verließe oft sein Nest selbst dann, wenn er bereits mehrere Eier gelegt hätte.

Fassen wir nunmehr alles, was wir über das Verhalten der vom Brutparasiten als Pfleger seiner Nachkommenschaft auserkorenen Vögel gegen den Schmarotzer und seine Eier erfahren haben, zusammen, 80 gelangen wir zu dem Schluss, dass es den allerwenigsten Vögeln gleichgiltig sein dürfte, ob sie ein fremdes Ei in ihrem Neste antreffen oder nicht. Wir entnehmen den mitgeteilten Thatsachen aber auch ferner, dass der Grad der Empfindlichkeit der Vögel gegen das fremde Ei je nach den Arten sehr verschieden ist. Die einen Vögel nehmen die Sache leicht, andere schwer, noch andere stehen in der Mitte. Hieraus erklärt es sich, dass wir Vögel gewisser Arten häufig als Kuckuckspfleger antreffen, Angehörige anderer Species seltener und die Mitglieder einer Reihe von Arten gar nicht. Wollten wir diese Erklärung nicht annehmen, so würde es uns unter anderem unverständlich bleiben, warum, z. B. die Meisen nicht häufiger vom Kuckuck in Anspruch genommen werden. Von den zwölf Meisenarten, die ich bei Reichenow (Systematisches Verzeichnis der Vögel Deutschlands und des angrenzenden Mittel - Europas) aufgeführt finde, zählt Rey in seiner offenbar sehr sorgfältig zusammengestellten Liste der Kuckuckspfleger nur die Kohlmeise auf, und von dieser nur zwei Eier, von denen er Kunde erhalten hat, während er z. B. bei der Gartengrasmücke 103, bei der weißen Bachstelze 165, beim Sumpfrohrsänger 86 Eier angibt. Baldamus führt auch noch die Blaumeise unter den Vögeln, bei welchen Kuckuckseier gefunden worden seien, auf, sagt aber ausdrücklich, dass sie nur als Nothelfer gelten kann. Nun sind aber die Meisen Vögel, die wir an und für sich recht zahlreich unter den Kuckuckspflegern anzutreffen erwarten sollten. Sie erscheinen uns viel geeigneter, das Kuckucksei auszubrüten und den jungen Kuckuck aufzufüttern, als z. B. Goldhähnchen, Laubvögel und Zaunkönige. Wenn sie gleichwohl nicht unter die Pfleger des Kuckucks aufgenommen worden sind, so kann das nur daran liegen, dass sie ihr Nest verlassen, wenn sie ein fremdes Ei darin finden.

(Viertes Stück folgt.)

Wilhelm Roux, Gesammelte Abhandlungen über Entwick

lungsmechanik'). Als W. Roux sich vor einigen Jahren einmal wieder der Angriffe seiner zahlreichen und rührigen Gegner zu erwehren hatte und dabei vielfach auf seine früheren Angaben verweisen musste, machte er die satyrische Bemerkung: ,,Ich sehe jedoch von weiteren Selbstcitaten ab, denn es ist schließlich einfacher und auf die Dauer doch nicht ganz zu umgehen, dass die Herren, welche über die von mir behandelten Probleme sich äußern und zu meinen Auffassungen Stellung nehmen wollen, zum Aeußersten greifen und meine bezüglichen Arbeiten derart lesen müssen, dass sie von ihrem Inhalte Kenntnis haben (II, p. 829)“. Mittlerweile ist das Interesse für die von W. Roux begründete neue Richtung in der Anatomie, die kausale Forschung durch analytisches Experiment, in immer weitere Kreise gedrungen und das Bedürfnis nach einer quellenmäßigen Zusammenstellung der Roux 'schen Lehren gewachsen. Diesem Bedürfnis ist W. Roux dadurch entgegenkommen, dass er seine in zahlreichen, vielfach schwer zugänglichen Archiven zerstreuten Abhandlungen gesammelt veröffentlicht hat. Sie sind soeben in zwei vortrefflich ausgestatteten Bänden bei W. Engelmann in Leipzig erschienen.

Man findet in diesen Bänden alle wissenschaftlichen Arbeiten von W. Roux, soweit dieselben vor dem Erscheinen des „Archivs für Entwicklungsmechanik“ veröffentlicht worden sind. Sie wurden aber nicht einfach abgedruckt, sondern mit Berücksichtigung der neuesten einschlägigen Arbeiten durch zahlreiche Zusätze in vorteilhaftester Weise ergänzt und „auf den gegenwärtigen Standpunkf der Erfahrungen und Auffassungen des Verfassers gehoben“ (I, Einleitung, XI).

1) W. Roux, Gesammelte Abhandlungen über Entwicklungsmechanik der Organismen. I. Bd. XIV 11. 816 Stn. mit 3 Taf. und 26 Textbildern; II. Bd. IV u. 1075 Stn. mit 7 Tafeln und 7 Textbildern. Groß 8°. Leipzig 1895 W. Engelmann.

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Die musterhaft klar geschriebene „Einleitung“ bietet die nötigen redaktionellen Hinweise, wirft Streiflichter auf Ziel und Methode der vom Verfasser inaugurierten kausalen Forschung, warnt vor einem neuen Erwachen „naturphilosophischer“ Denkweise, liefert therapeutische Hilfsmittel zur Bekämpfung dieser und anderer Kinderkrankheiten der jungen Entwicklungsmechanik und gibt in großen Zügen eine Darstellung des Inhalts beider Bände.

Der I. Band enthält die Abhandlungen, die sich vorwiegend mit der funktion ellen Anpassung beschäftigen. Mit diesem kurzen und treffenden Ausdruck bezeichnet Roux (I, 114) die Wirkung des Gebrauchs und Nichtgebrauchs, also „alle progressiven und regressiven Anpassungs- ~ vorgänge der Organe, die durch die eigene Funktions-Vollziehung oder – Unterlassung der Organe vermittelt werden“, sowie auch „das Produkt jedes solchen Vorganges“ (II, 211). Dieses Prinzip ist seit Lamarck von vielen hervorragenden Naturforschern gewürdigt worden, aber keiner hat seine Bedeutung so tief erfasst und die Grenzen seines Wirkens so scharf bestimmt, als W. Roux. Er zeigte insbesondere, dass nicht nur, wie bereits bekannt, die Größe und gröbere Gestaltung der Organe, sondern auch die Struktur und die feinere äußere Gestalt der Organe auf das Zweckmäßigste durch dieses Prinzip ausgebildet zu werden vermögen.

So wies er in den Blutgefäßen Einrichtungen nach, die durch feinste funktionelle Anpassung der lebenden Wandung an die mechanischen Kräfte des Blutstroms den Charakter der höchsten Vollkommenheit oder der „Zweckmäßigkeit, wie man heutzutage noch sagt“ (I, 76), erhalten haben (Nr. 1 und 2). Wie die Natur größte Mannigfaltigkeit und Zweckmäßigkeit mit den einfachsten Mitteln erzielt, zeigte er an der funktionellen Gestalt und Struktur der Schwanzflosse des Delpliins (Nr. 7). An der Muskulatur des Menschen fand er eine direkte morphologische Anpassung der Muskellänge an dauernde Aenderungen ihrer entsprechenden funktionellen Beanspruchung (Nr. 8). Auch das Problem zweckmäßiger Knochenstrukturen wurde gefördert durch sorgfältiges Studium der funktionellen Spongiosatypen, der Maschenweite der Spongiosa u. a.

Alle diese verschiedenartigen, direkt zweckmäßigen Leistungen an Stützorganen und an aktiv fungierenden Organen wurden von einer und derselhen Wirkungsweise, nämlich von der trophischen Wirkung der funktionellen Reize abgeleitet. Den Mittelpunkt dieser Studien bildet die berühmt gewordene Untersuchung über den Kampf der Teile im Organismus“ (Nr. 4), von der z. B. kein Geringerer als Ch. Darwin sagt, sie sei das bedeutungsvollste Buch über Entwicklung, welches seit einiger Zeit erschienen ist“. Diese Abhandlung brachte außerdem, wie der neue Titel noch prägnanter hervorhebt, als neues das sogenannte Zweckmäßige hervorbringendes gestaltendes Prinzip den „züchtenden“ Kampf der Teile im Organismus. A. Weismann unterscheidet in seiner neuesten Schrift ") dieses Roux'sche Prinzip?) als das der „Intra

1) Weismann A., Neue Gedanken zur Vererbungsfrage. Jena 1895.

2) Weismann verteidigt an dieser Stelle auch die Verdienste Roux gegenüber einer Prioritäts - Reklamation von Herbert Spencer, indem er die sicherlich berechtigte Bemerkung macht, dass „von dem einmaligen Auf

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selektion von der Darwin'schen „Selektion“ und erinnert damit an den wesentlichen Unterschied dieser beiden Formen des Ausleseprozesses, dessen einer sich zwischen den ganzen Individuen abspielt, während der andere innerhalb (intra) des Individuums seinen Ablauf nimmt (p. 12, Anm.). Die Begründung dieses Prinzips der Teilauslese, seine Leistungen im Kampf der „lebensthätigen“ Molekel, der Zellen, Gewebe und Organe muss man im Original einsehen; man wird staunen über das ungeheure Material, das hier verarbeitet ist.

Auf einige andere in dieser Arbeit behandelte Probleme von allgemeinstem Interesse mag aber hier noch kurz hingewiesen werden.

Roux erörtert im V. Abschnitt vor allem die Frage über das Wesen des Organischen. Er hält alle rein chemischen Definitionen des Lebens für vollkommen unzureichend, da nach seiner Ansicht die wesentliche, das Leben bedingende Struktur wohl nur zum kleineren Teil in dem Bau der Atome liegt, sondern mehr in der Struktur der aus diesen Atomen zusammengesetzten Molekel und noch mehr in dem Aufbau der letzten lebensthätigen Teilchen aus diesen Molekeln. Diese kleinsten lebensthätigen Teilchen, die alle eine (unsichtbare) „Metastruktur besitzen, nennt er Isoplassonten, Autokineonten, Automerizonten und Idioplassonten und hält sie für die Träger der allgemeinen Grundfunktionen des Lebens: der Assimilation, der Selbstbewegung, der Selbstteilung und der Selbstgestaltung.

Mit der Leistung dieser letzten Lebenseinheiten und dem durch sie bedingten Verbrauch tritt aber noch ein neues Erfordernis zwingend hervor, welches von der größten Bedeutung ist und das ganze organische Geschehen beherrscht, die Selbstregulation in allen Verrichtungen (I, 400). Sie ist die Vorbedingung, das Wesen der Selbsterhaltung, d. h. derjenigen Fähigkeit, die das Organische über das Anorganische emporhebt. Schon der große Physiologe E. Pflüger hatte ') in seinem qallgemeinen Prinzip der Selbststeuerung der lebendigen Naturú die Thatsache des allgemeinen Vorkommens dieser Selbstregulation nachgewiesen. Der wesentliche Inhalt der Roux'schen Abhandlung gipfelt, wie er selber sagt, darin, das „von Pflüger in geistvoller Weise als Thatsache formulierte teleologische Gesetz kausal abzuleiten,

Idioponen des Leben sier Selbstgestaltenseinheiten unds zwingend

blitzen eines Gedankens bis zu seiner Durchführung noch ein weiter Weg ist“. W. Roux zeigt nun aber in Nr. 4, dass die Reklamation von H. Spencer überhaupt hinfällig ist. „Das Specifische meines Buches besteht darin, dass ich die von Herbert Spencer acceptierte und lange vor ihm schon in Deutschland allgemein verbreitete Erklärung der funktionellen Anpassung durch die funktionelle Hyperämie als unrichtig nachweise (s. Nr. 4, S. 137 u. fg.) und dass ich darnach auf Grund des Kampfes der gleichwertigen Teile im Organismus und der in ihm gezüchteten Gewebseigenschaften eine neue Erklärung gebe, welche auch für die damals erst jüngst erkannten, feinsten direkten Anpassungen ausreicht (weiteres siehe unten Nr. 4, S. 72), (1, 141). Eine wirkliche Priorität in Bezug auf einen Teil kommt dagegen E. Haeckel zu, wie Roux I, 227 ausführt.

1) E, Pflüger. Ueber die das Geschlecht bestimmenden Ursachen und die Geschlechtsverhältnisse der Frösche. Pflüger's Archiv, 29. Bd., 1882, S. 13 ff. (S. 28). In der eigentlichen Arbeit war bekanntlich das Prinzip von Pflüger ,die teleologische Mechanik der lebendigen Natur“ genannt worden: E. Pflüger, Die teleologische Mechanik der lebendigen Natur. Pflüger's Archiv, 15. Bd., S. 57 ff.

es mechanisch zu erklären und so seines anscheinend metaphysischen Charakters zu entkleiden“ (I, 148 Anm.).

Das fruchtbare Prinzip der Züchtung durch Auslese verwertet Ronx auch zu einer interessanten Hypothese über die Entstehung des ersten Lebens. Wie man früher den Homunculus fix und fertig aus der Retote hervorgehen lassen wollte, so verlangt man es heutzutage von der Monere, Das heißt nach Roux ungefähr so viel, als wolle man erwarten, dass zufällig einmal der Sturmwind eine Beethoven'sche Symphonie bliese. „Man muss sich vielmehr vorstellen, dass das Leben zunächst einfach als bloßer Assimilationsprozess ähnlich wie das Feuer begonnen habe. Allmählich bildeten sich dann vielleicht unter dem Auftreten und Verschwinden zahlloser Varietäten, unter fortwährender Steigerung der ,,da u erfähigen“ (statt sogenannten „Zweckmäßigen“) Eigenschaften, quantitative und qualitative „Selbstregulation" in der Assimilation und im Verbrauch aus. Dann folgte wohl die Entstehung von Reaktionsqualitäten, als deren schon außerordentlich hohe Stufe nach einer Richtung hin, in vielleicht Millionen Jahre umfassenden Zeiträumen, nach und nach die Reflexbewegung gezüchtet wurde in der niederen Form, wie sie uns die Monere zeigt“. Auf die Reflex bewegungen folgte wohl die Ausbildung fester, vererbbarer Richtungen, sowohl in Bewegungen als in Gestaltungen aus dem Stoffwechsel unterliegenden Prozessen, das Grundprinzip der organischen Morphologie“ (I, 410 ff.). Das Wesentliche dieser Anschauung liegt also in der Entstehung des ersten Lebens aus anorganischen Vorgängen durch nach einander erfolgende Züchtung der einzelnen Grundeigenschaften und jeder derselben zu immer höheren Grade der Leistung bis zur Vollkommenheit (I, 415; II, 85).

In einigen wesentlichen Punkten vertritt Roux in dem neuen Abdruck andere Anschauungen als früher.

Die E. Haekel'sche Lehre von der Homogenität oder Strukturlosigkeit des Protoplasmas lässt er fallen. „Es muss aus den komplizierten Verrichtungen des scheinbar homogenen organischen Substrates mit Sicherheit eine komplzierte Struktur gefolgert werden“ (II, 143). Solche unmittelbare Strukturen stellt er als „funktionelle Metastrukturen“ den sichtbaren funktionellen Strukturen gegenüber (I, 187).

Auch die früher als unzweifelhaft angenommene Stichhaltigkeit des Beweismaterials für die „Vererbung vom Individuum erworbener Eigenschaften“ ist ihm, seit A. Weismann seine schwer wiegenden Gründe dagegen ins Feld führte, nicht mehr sicher (I, 140). Unterscheidet man im Individuum einen Personalteil und einen Germinalteil (A. Rauber (Ref.]), so müssten, wie Roux mit Recht hervorhebt, die vom Personalteil erworbenen Eigenschaften nicht bloß auf den Germinalteil (Weismann's Keimplasma) übertragen, sondern zugleich auch aus dem entwickelten Zustande zurück in den unentwickelten, dem Keimplasma adaequaten Zustand verwandelt, also impliziert oder involviert werden. Deshalb ist „für denjenigen, der sich die Größe des Rätsels der angeblichen Uebertragung von Veränderungen des Personalteils auf den Germinalteil vorgestellt hat, die von Weismann sorgfältig begründete und neben ihm auch

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