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sächlich von der An- oder Abwesenheit der entsprechenden bestimmenden Teilchen im Keimplasma der betreffenden Tierart ab; solche Teilchen können sowohl von uralten wie von jüngsten Vorfahren hergekommen sein. Wenn wir mit Weismann') annehmen, dass die bestimmenden Elemente während des Wachstums des Keimplasmas unter einander kämpfen und derart innerhalb des Keimes einer natürlichen Zuchtwahl unterliegen, so ergibt sich daraus als notwendiges Resultat die Vereinfachung des Keimplasmas, durch Unterdrückung und schließliche Vernichtung gewisser Anlagen zu Gunsten anderer, welche sich für den Organismus als nützlicher erweisen. Wir können uns dadurch auch die zeitlicbe Verschiebung der Onto-Stadien erklären, indem wir annehmen, dass begünstigte Keimanlagen, insofern es mechanisch möglich und physiologisch nicht schädlich ist, die ihnen entsprechenden Gebilde früher zur Ausbildung führen, während dagegen Organe, deren bestimmende Keimteilchen im Schwinden begriffen sind, als rudimentare Bildungen langsam und spät entstehen, oder wenn auch früh angelegt, bald darauf wieder verschwinden, resp. den begünstigten Anlagen gegenüber zurückbleiben. Gebilde und Formen der Ahnen, welchen im Keimplasma der lebenden Tiere keine bestimmende Teilchen entsprechen, erscheinen entweder nicht mehr oder nur in Folge mechanischer Notwendigkeit.

Die Reihenfolge der Erscheinungen in der Ontogenese ist also keineswegs eine direkte Konsequenz der Phylogenese, sondern das Resultat von physikalisch-chemischen Momenten einerseits, sowie andrerseits von der relativen Energie der einzelnen älteren und neueren bestimmenden Elemente des Keimes. - Es gibt also in der Keimesentwicklung weder eine wirkliche Reka pitulation der Phylogenese, noch palingenetische und cenogenetische Vorgänge in reellem Sinn. Solche Ausdrücke dürfen eigentlich nur in bildlichem Sinn richtig gebraucht werden. In Folge der epigenetischen Auffassung der Ontogenie entstanden, müssen diese Begriffe mit dem Ueberhandnehmen des Evolutionismus ihre Bedeutung verändern.

Wenn wir nun den Gedanken aufgeben müssen im Entwicklungsgang jedes Tieres eine, obgleich lückenhafte und zum Teil gefälschte, doch in ihren Grundzügen historisch verfasste Urkunde seiner Stammesgeschichte zu finden, so wird dadurch der morphologische Wert der ontogenetischen Forschung durchaus nicht vermindert, sondern nur in ein richtigeres Licht gestellt. Ein Gegensatz zwischen embryologischer und vergleichend-anatomischer Methode, wie er oft betont wird, existiert nicht. Wir können ebensowenig aus der Ontogenie einer Tierart wie aus deren Anatomie ihre Phylogenie rekonstruieren, sondern nur aus den Resultaten der Vergleichung anatomischer und ontogenetischer Stadien mit denen anderer Tierarten. Die embryonalen Stadien besitzen den Vorteil der Einfachheit, welche die Vergleichung und die Erkenntnis der Homologien erleichtert; sie lassen uns überdies oft vorübergehende, ja sogar sehr flüchtige Anlagen entdecken, welche die letzten Spuren uralter Erbschaft darstellen, wie sie nur in seltenen Fällen und vielleicht niemals im ausgebildeten Tier als Atavismen auftreten. Einzelne solcher vorübergehender Rudimente im Embryo mögen ja bei keiner lebenden Tierform mehr als bleibende Teile gebildet werden, so dass ihr flüchtiges Erscheinen im werdenden Organismus allein noch im Stande ist, uns über die Existenz des geschwundenen Organs bei ausgestorbenen Vorfahren zu belehren').

1) Neue Gedanken zur Vererbungsfrage; eine Antwort an Herbert Spencer. Jena 1895.

Meine Auffassung des Atavismus und ihre Konsequenzen will ich hier überhaupt nicht als eine abgeschlossene Theorie abgeben, sondern nur als ein Versuch jene mysteriös erscheinende Potenz des lebenden Keimes in ihren Erscheinungen verständlicher zu machen. Ihre Feststellung würde eine sehr große Anzahl von Untersuchungen verlangen, wie sie von einem einzelnen kaum angestellt und ausgeführt werden könnten. Durch die theoretische Auffassung geschärfte Aufmerksamkeit der auf dem großen Gebiet der Organogenie arbeitenden Forscher, sowie intelligenter Vieh- und Geflügelzüchter mag in Folge der Verbindung vieler Kräfte leichter zum Ziele führen. Es handelt sich hauptsächlich darum festzustellen, inwiefern während der embryonalen und postembryonalen Entwicklung, neben den bleibenden morphologischen und biologischen Eigenschaften, auch solche flüchtig erscheinen, welche an Eigenschaften der näheren oder ferneren Ahnen eines bestimmten Tieres sich anschließen.

Ich bin aber fest überzeugt, dass eine schärfere Kritik der vielen, besonders vom Menschen beschriebenen Anomalien, welche auf Vererbung längst geschwundener Eigenschaften entfernter Gattungen, ja sogar anderer Klassen bezogen wurden, erweisen wird, dass ein großer Teil davon gar nicht zum Atavismus gehört. Es handelt sich dabei meist nur um a hnenähnliche, nicht um a hnenerbliche Erscheinungen, anders gesprochen um Rückschritt, nicht um Rückschlag in der Phylogenese.

1) Das schönste mir bekannte Beispiel der Art ist wohl die Bildung prälactealer Zahnkeime bei verschiedenen Säugetieren.

Verlag von Eduard Besold (Arthur Georgi) in Leipzig. – Druck der kgl.

bayer. Hof- und Univ.- Buchdruckerei von Junge & Sohn in Erlangen.

unter Mitwirkung von
Dr. M. Reess und Dr. E. Selenka
Prof. in Erlangen

Prof. in München
ceceben von

herausgegeben von
Dr. J. Rosenthal

Prof. der Physiologie in Erlangen.

24 Nummern von je 2–4 Bogen bilden einen Band. Preis des Bandes 20 Mark.

Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postanstalten. XVI. Band. 1. Mai 1896.

Nr. 9.

Inhalt: Driesch, Die Maschinentheorie des Lebens. — Samassa, Ueber die Begriffe

„Evolution" und „Epigenese“, – v. Lendenfeld, R. Hesse's Untersuchungen über das Nervensystem und die Sinnesorgane der Medusen. -- Haacke, Zur Stammesgeschichte der Instinkte und Schutzmale (4. Stück). -- Helm, Einige Beobachtungen über die Frühfliegende Fledermaus Panugo noctula (Daubenton).

Die Maschinentheorie des Lebens..

Ein Wort zur Aufklärung.

Von Hans Driesch. Die vorliegende Notiz wurde ihrem wesentlichen Gedankeninhalte nach vor mehr als Jahresfrist niedergeschrieben, bald nachdem ich E. du Bois-Reymond's Rede über „Neo-Vitalismus“ zu Gesicht bekommen hatte. Sie sollte einige Punkte aufklären, in denen meine Schrift „Die Biologie als selbständige Grundwissenschaft“ seitens dieses Forschers nicht ganz zutreffend aufgefasst worden war. Ich unterließ die Veröffentlichung, da mir bekannt war, dass auch Roux am Schluss seiner „Gesammelten Abhandlungen“ zu meinen Ansichten Stellung nehmen werde: etwaige Missverständnisse hier, welche frühere gelegentliche Aeußerungen dieses Autors erwarten ließen, dachte ich, sei es besser im Rahmen eines etwas breiter angelegten Artikels mit zu erledigen, als im Einzelnen auf sie eingehen und etwa schon Gesagtes wiederholen zu müssen.

Von dem Roux'schen „Nachwort“ interessieren uns hier nur die sechs letzten Seiten '); zunächst wird es gut sein auf den Inhalt dieser

1) Der erste bei weitem größere Teil des „Nachworts“, der sich auf engerem, ,entwicklungsmechanischem“ Gebiet bewegt, rekapituliert früher von dem Verfasser gesagtes und veranlasst mich daher nicht zu einer Entgegnung, um so weniger, als ein auch nur einigermaßen sorgfältiges Studium meiner Schriften weder aus ihm noch aus den zahlreichen den „Gesammelten Abhandlungen“ neu beigefügten Zusatzanmerkungen spricht und meine Einwände gegen die Roux'schen Schlussfolgerungen nicht die geringste Beachtung oder auch nur XVI.

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etwas näher einzugehen, darauf werde ich in kurzer Skizze darzulegen versuchen, was eigentlich in meinen Schriften über „Teleologie“ gesagt, und was in dieselben hineininterpretiert worden ist.

Roux beginnt seine mich betreffende Darlegung mit den Worten: „Driesch denkt sich die Lebensvorgänge und den typischen Eibau „sehr einfach“, grob physikalisch-chemisch“. Halten wir uns zunächst nur an das „sehr einfach“. Wo denn habe ich solchen Nonsens gesagt? In meiner „Biologie“ S. 53 heißt es, dass, um z. B. das Gebahren höherer Tiere auf Grund meiner tektonisch-mechanistischen Lebensauffassung (wovon später die Rede) zu verstehen, wir der von ihr postulierten „Struktur" eine „Komplikation beilegen müssen, die unsere Fassungskraft weit übersteigt“! Ja es wird gefragt, ob eben aus diesem Grunde nicht etwa jene Ansicht überhaupt aufzugeben und durch eine andere („vitalistische“) zu ersetzen sei. „Analytische Theorie“ S. 123 heißt es, dass der protoplasmatische Bau des Eies dem Kern „an Komplikation weit nachsteht“; was hat diese Aeußerung mit dem Roux'schen Satze gemeinsam? Ebenda S. 136 wird gerade die Thatsache der so ungeheuer kompliziert zweckmäßigen Beschaffenheit der Lebewesen als Argument gegen den sogenannten Darwinismus ins Feld geführt.

Anders allerdings A. Th. S. 149, wo ich sage „schon jetzt sehen wir im Froschei die geschilderten Umordnungsvorgänge in sehr einfacher Weise, auf Grund der Anwesenheit von Substanzen differenten spezifischen Gewichts im Ei verlaufen, und es liegt durchaus kein Grund vor, hier (d. h. bei Selbstregulationsvorgängen) immer an größte Kompliziertheiten zu denken, wie es neuerdings beliebt ist“.

Heißt aber diese Aeußerung über spezielle Dinge, dass ich mir „die Lebensvorgänge und den typischen Eibau sehr einfach“ denke? Man könnte sich beinahe versucht fühlen zu glauben, dass Roux nicht viel mehr als jenen Satz über das Froschei von meinen Arbeiten gelesen habe.

Gehen wir über zu dem „grob physikalisch-chemisch“. Was ist denn ein „fein-chemischer“ Vorgang? Gehört beispielsweise die Wasserzersetzung in die Kategorie der „groben“ oder der „feinen“? Ich denke, es ist doch wohl besser zwischen „chemisch-physikalischen“ und „nicht Erwähnung gefunden haben. Man sieht diesen Mangel an Kleinigkeiten, so 2. B. wenn Roux denkt, das, was ich über den Anteil des Chemismus an der Ontogenese gesagt habe, mit der dunklen Wendung „Gestaltung aus chemischen Prozessen“ abthun zu können (I, S. 208), wenn er (II, S. 1014) angibt, ich ließe die Regulation in meinen Druckversuchen „durch Umordnungen der Zellen geschehen“ (!) und an vielen ähnlichen Unbestimmtheiten und Entstellungen Auch hinsichtlich solcher einzelner Dinge lasse ich mich aber in keine neno Polemik gegen Roux ein, da der selbständige Leber schon bemerken wird, wo Roux meine Ansichten richtig und wo entstellt wieder gibt, und da, was ein unselbständiger Leser denken mag, mich nicht angeht.

chemisch-physikalischen“ Vorgängeu zu unterscheiden '). Da habe ich denn allerdings in meiner „Analytischen Theorie“ ausdrücklich, in der „Biologie“ mit gewissem Zögern erklärt, dass jedes einzelne Veränderungsgeschehnis in der Gesamtheit der Lebensvorgänge chemischphysikalischer Art sei. Hiervon reden wir nachher; fragen wir uns zunächst einmal, wie sich denn Roux jeden einzelnen Lebensvorgang denkt. Dass er ihn nicht „grob physikalisch-chemisch“ auffasst, sagt er implicite in dem gegen mich gerichteten Tadel, das „grob physikalisch-chemische“ ist ja nach ihm die zu vermeidende Scylla. Da wir nun das Epitheton „grob“, wie sein Gegenstück „fein“ überhaupt beanstanden, bleibt wohl nur anzunehmen, Roux fasse jedes Lebensgeschehnis „nicht chemisch-physikalisch“ auf. Dann träte er also für eine spezifische vitale Gesetzlichkeit ein, er wäre „Vitalist“; spricht er doch auch von der Wirkung „zweckthätiger seelischer Leistungen“. Aber Vitalist in irgend einem Sinne des vieldeutigen Worts will er nicht sein, damit geriete er ja in die Charybdis, er hat jene „zweckthätigen seelischen Leistungen“ ja „erklärt“, und „erklärt“ zwei Seiten weiter noch weit mehr; freilich geschieht die ganze ,,Erklärung“ nach darwinistischem Recept, man weiß also, wie es mit ihr bestellt ist, aber Roux sieht doch in ihr eine Erklärung?).

Was haben wir also festgestellt? Aus seinem sicheren Fahrwasser zwischen Scylla und Charybdis, aus dem Gebiet des „fein physikalischchemischen“ mussten wir Roux gleich anfangs vertreiben, unter diesem dunklen Wort konnten wir uns nichts denken; in die Charybdis ferner, den „Vitalismus“ will er unter keinen Umständen geraten: da bleibt denn, weil in der Logik der Satz vom ausgeschlossenen Dritten gilt, wohl nur die Roux'sche Scylla, d. h. eben das PhysikalischChemische ohne „grob“ und „fein“ für ihn selber übrig. Damit baben wir ihn aber auf einen Widerspruch mit sich selbst ertappt: Roux

1) Es sollte der Erwähnung kaum bedürfen, dass auch neu zu entdeckende elementare Geschehensarten (Naturgesetze) naturgemäß entweder „chemischphysikalisch“ oder „nicht chemisch - physikalisch“ sein werden.

2) Auf eine Diskussion über den Darwinismus nochmals einzugehen (vgl. Anal. Theor. S. 135 ff.), dazu wird mich weder Roux noch sonst Jemand veranlassen. Er gehört der Geschichte an, wie das andere Curiosum unseres Jahrhunderts, die Hegel'sche Philosophie; beide sind Variationen über das Thema „Wie man eine ganze Generation an der Nase führt“, und nicht gerade geeignet, unser scheidendes Saeculum in den Augen späterer Geschlechter besonders zu hoben. – Bemerkt sei hier nur dieses: inhaltlich ist die Darwin'sche Lehre widerlegt, wäre sie aber auch nicht widerlegt, so würde sie nichts erklären“ d. h, nichts auf bekannte Naturgeschehnisse zurückzuführen, da sie ihr eigentliches Problem, die Zweckmäßigkeit, wie G. Wolff trefflich bemerkt (Biolog. Centralbl., XIV, S. 616): „ihren Jüngern in möglichst zahlreichen, aber möglichst verdünnten Dosen gibt, in der Hoffnung, dass nichts davon gespürt werde".

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