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andere erwartet hätten. Ich will schließlich deswegen nur noch bemerken, dass dieser kleine Aufsatz weniger für die Fachleute, also die Pflanzenphysiologen, berechnet ist, als vielmehr für Naturforscher überhaupt, deren Studien in anderer Richtung liegen, die es aber interessieren dürfte, über den Stand der Frage, die sich eigentlich Jedem darbietet: wie steigt das Wasser bis in die Spitzen der Bäume ? etwas zu erfahren.

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Die neuesten anatomischen Entdeckungen zur Anthropologie

der Verbrecher. Von Prof. C. Lombroso in Turin. Herr Prof. Sernoff hat mir die Ehre erwiesen, in seiner Antrittsrede an der Universität zu Moskau „Die Lehre Lombroso’g“ (veröffentlicht im Biolog. Centralbl., April 1896) die Lehre der KriminalAnthropologie vom anatomischen Standpunkt aus mit anscheinend großer Gründlichkeit zu besprechen. Während ich ihm im Namen der neuen Schule dankbar dafür bin, da nichts dem Fortschritt dienlicher ist als eine weise Kritik, so muss ich doch bekennen, dass ich gewünscht hätte, dieselbe wäre auf ernstere Untersuchungen begründet worden. In der That hat er bei der Abfassung seiner Kritik nur etwas obenhin wenige Seiten eines Buches in Betracht gezogen, das nur eine kurze und summarische Zusammenfassung meiner Untersuchungen ist, aber nicht mein italienisches Originalwerk, in welchem sie aufs ausführlichste beschrieben sind, und ebensowenig die letzten 10 Jahrgänge meines Archivs der Kriminal - Anthropologie, in welchen eine große Reihe neuer anatomischer Thatsachen zusammengebracht sind, nicht sowohl von mir, der ich kein Anatom bin, als vielmehr von hervorragenden Anatomen, die er nicht kennt oder vorgibt nicht zu kennen, wie Romiti, Valenti, Flesch, Fusari, Roncoroni, Faller, Mondio. Dagegen bemüht er sich mit großer Ausdauer jene Schlussfolgerungen, die ich selbst bekämpft habe, zu widerlegen, so dass er schließlich nur offene Thüren einrennt.

In der That, bevor Sernoff es unternahm die Gesamtheit meiner Lehre zu bekämpfen, habe ich selbst auf S. 153 der zweiten französischen Ausgabe meines Werkes „L'uomo delinquente“ (des einzigen Buches meiner Schule, das er gelesen hat, und auch das nur flüchtig) erklärt, dass die anthropometrischen Schädeluntersuchungen durch ihre wechselnden Ergebnisse meine Erwartungen enttäuscht hätten. Ebenso habe ich auf S. 179 derselben Auflage betreffs der Hirnanomalien gesagt, dass die Untersuchungen von Hensch, Willig, Hanot und Benedikt sehr an Wert verloren hätten durch die Veröffentlichung von Giacomini, welche jetzt Sernoff als neuen und entscheidenden Beweis gegen alle Lehren der Kriminalanthropologie ins Feld führt.

Ich habe auch schon (S. 185) erklärt, dass es zu kühn wäre zu behaupten, dass die Hirnwindungen bei Verbrechern spezifische Anomalien zeigten.

Aber auffallend ist es, dass ich mit meiner zu großen Vorsicht vielleicht Unrecht hatte, insofern als ich außer Acht gelassen hatte, dass die negativen Schlüsse Giacomini’s von Untersuchungen herrühren, die er an Frauen gemacht hatte, welche durch die Gleichmäßigkeit der Merkmale, durch die geringe Variabilität, die sich immer bei der Frau findet, naturgemäß weniger Anomalien aufweisen mussten. In der That weisen neue Untersuchungen, besonders an Männern, stets häufigere Anomalien auf. So fand neuerdings Valenti die Verschmelzung der beiden Thalami optici bei einer Prostituierten, Mingazzini 4 Fälle von Submikrocephalie unter 40 Gehirnen von Verbrechern. Derselbe Minga zzini fand auch bei 13% von Verbrechergehirnen die erste Uebergangsfalte der Fissura parieto-occipitalis viel tiefer, wie es beim Schimpanse und Gorilla zu sein pflegt; ferner vollständiges Fehlen des Sulcus occipito- lateralis temporalis und in 36%. eine Kommunikation des Sulcus temporalis und des Sulcus interparietalis.

Flesch fand bei einer Diebin einen wahren mittleren Hirnlappen mit 2 Furchen, welche die mittlere Incisur überschreiten, nach vorn divergieren und in der ganzen Länge der Hemisphären die horizontalen Windungen des mittleren Lappens kreuzen, wie es bei den niederen Säugetieren der Fall ist.

Fallot fand bei zwei Mördern Vertiefung der zweiten äußeren Uebergangsfalte und die Bildung eines Operculum occipitale, Oberflächlichkeit des Gyrus cuneiformis.

Neuerdings fand Mondio?), welcher diese Studien an 18 Gehirnen männlicher Verbrecher wieder aufgenommen hat, dass Anomalien bei männlichen Verbrechern häufig sind; ich erinnere insbesondre an die anomalen Zusammenhänge der Sylvi'schen (19 Fälle) und der Rola ndo’schen (12 Fälle) Furche mit benachbarten, die Verdoppelung mancher Frontalwindungen (5 Fälle), das Fehlen einer der äußeren Uebergangsfalten (8 Fälle), die vertikale Richtung der Rolando'schen Fnrche; das Operculum occipitale (2 Fälle), die Entblößung der Insula Reilii (5 Fälle). Sernoff selber ist genötigt zuzugeben (S. 335—36), dass er die Trennung der Fissura calcarina von der parieto-occipitalis externa in 2 von 200 normalen Hemisphären, dagegen in 4 von 50 Hemisphären von Verbrechern gefunden hat.

Einen neuen atavischen Charakter hat aber neuerdings Boncoroni in der feineren Morphologie der Hirnrinde der Frontallappen bei Epileptikern und geborenen Verbrechern gefunden, nämlich den Mangel der inneren Granularschicht, die verminderte Zahl und das größere Volumen der Nervenzellen in der grauen Substanz und endlich viel

1) Archivio per l'Antropologia e l'Etnologia, 1895, Vol. XXV.

zahlreichere Nervenzellen in der weißen Substanz als bei normalen Menschen.

Unter 26 Epileptikern, die zur Untersuchung kamen, war die innere Granularschicht in 14 sehr reduziert: in 7 fehlte sie gänzlich. Unter 14 geborenen Verbrechern war sie in 4 sehr reduziert, in 6 fehlte sie vollständig. Aber in Fällen von erworbener Epilepsie, bei Gelegenheitsverbrechern und bei Irren ist die innere Granularschicht ganz normal. Das vermehrte Volum und die verminderte Zahl der Nervenzellen findet sich sehr bedeutend bei 13 Epileptikern und 6 geborenen Verbrechern, dagegen kommt die vermehrte Zahl der Nervenzellen in der weißen Substanz seltener vor. —

Die andern Argumente, welche Sernoff auf 40 Seiten auseinandersetzt, lassen sich auf folgendes zurückführen: Nur wenige wahre Anatomen haben die morphologischen Anomalien der Schule Lombroso's studiert. Und Flesch, und Benedict, und Hanot, und Willyk, und Mondio, und Fusari, und Valenti, und Varaglia, Romiti, Ferrier, Fallot; sind alle diese keine Anatomen? Sie alle kennt Sernoff nicht.

Er teilt die Charaktere des geborenen Verbrechers in verschiedene Gruppen:

I. Vermindertes Volum des Gehirns im ganzen oder nur der Frontallappen, mittels Schädelmessungen erkennbar (S. 311-313). Hierin hat er keine Originalstudien gemacht um sie unserer Schule entgegenzustellen, aber er nimmt keinen Anstoß hinzuzufügen (S. 412): Unter allen kraniometrischen Charakteren ist nur einer der Beachtung wert. Und dieser bestätigt die Theorie des Lombroso. In der großen Majorität der Fälle zeigt die Erfahrung, dass das Stirnbein, vom Ophrion bis zum oberen Rande gemessen, viel weniger als beim normalen Menschen entwickelt ist.

II. Pathologische Symptome, die er als die einzigen degenerativen Charaktere betrachtet. Hier bemerkt er, dass die Zahl dieser Chraktere nicht sehr bedeutend sei. In der That zählt er auf: 1. metopische Knochennaht; 2. Vorhandensein einer Knochennaht; 3. Wormische Knochen; 4) Schädel- und Gesichtsasymmetrie. Dagegen hat er viele andere Charaktere ganz vergessen, nämlich: die Schädelsklerose, den übertriebenen Schädelindex, die hydrocephalische Stirn, die Oxycephalie, die Acrocephalie, die partiellen Schädeleindrückungen, die zahlreichen Osteophyten, die vorzeitigen Synostosen, die sehr großen und abstehenden Ohren, den Strabismus, die Spuren von Meningitis, die Brustasymmetrien, die zahlreichen Anomalien der Eingeweide, die Hernien, das Fehlen des Bartes, die anatomische, motorische und sensorische Linkshändigkeit, die Veränderungen der Reflexe, die Ungleichkeit der Pupillen, die Stumpfheit der allgemeinen Schmerzempfindlichkeit, die Stumpfheit des Gehörs-, Geschmacks- und Geruchssinns; die peripherischen Skotome des Gesichtsfeldes. Und im Gebiet der Psyche hat er folgende Charaktere ebenfalls nicht aufgeführt: den Aberglauben, die Veränderungen der Affekte und des moralischen Sinnes, das impulsive Wesen, der Kannibalismus, die Päderastie, die Onanie, die Obscönität, den auffallend früherwachenden Geschlechtstrieb und die Liebe zum Wein, die Vorliebe für Tiere, die Simulation, das mürrische Wesen, den Schwindel und die Amnesie.

Wie man sieht ist die Zahl der pathologischen Symptome nicht klein. Aber Herr Sernoff, bestrebt die pathologischen von den atavischen Charakteren zu unterscheiden, merkt nicht, dass diejenigen, welche er als pathologisch betrachtet, gleichzeitig atavisch sind, wie zum Beispiel die metopische Knochennaht und die Wormischen Knochen, Doch zieht er hinsichtlich der pathologischen Charaktere folgenden Schluss (S. 313): Die Vergleichung der Häufigkeit dieser Charaktere in normalen Individuen und in Verbrechern gibt negative Resultate. Sie ist in beiden Fällen gleich. Aber die Menge von Daten welche diejenigen, die Verbrecher und Normale genau studiert haben, gesammelt haben, bestätigen gerade das Gegenteil. Wie kann Prof. Sernoff diese Schlüsse so leicht ziehen? Was für Beobachtungen hat er gemacht? Welche Daten verdanken wir dem Herrn Sernoff? Keine.

In dieser Weise kommt er sehr schnell und oberflächlich über die Anomalien der zweiten Gruppe hinweg und geht auf die Anomalien der dritten Gruppe über: Varietäten und atavische Anomalien. Unter diese zählt er: 1. Anomalien der Zähne; 2. die übermäßige Breite des Gaumens; 3. seltene Anomalien des Foramen occipitale; 4. Fossa occipitalis media na; 5. pigmentierte Iris; 6. die Bartlosigkeit; 7. Anomalien der Ohrmuscheln; 8. starke Entwicklung des Augenbogens; 9. starke Entwicklung des Gesichtsknochen. Hier aber vergisst er die Mikrocephalie, die niedrige und zurücktretende Stirne, die Schiefheit der Augenhöhlen, den Lemurenanhang, die männliche Gesichtsbildung bei Frauen, das vermehrte Volumen des kleinen Gehirnes, den Greif-Fuß, das Vorhandensein nur einer Falte auf der inneren Handfläche, die Runzeln, die olivenfarbige Haut, das Tättowieren, die kurzen krausen Haare, die unruhige Beweglichkeit, die Stumpfheit des Gefühls, die Unverwundbarkeit, die niedrige Intelligenz, das Fehlen der Gewissensbisse. Selbstverständlich sind viele dieser als pathologisch betrachteter Charaktere auch atavisch.

Von diesen atavischen Anomalien zieht Sernoff nur die letzten drei in Betracht und nimmt die größere Entwicklung des Gesichtsschädels als einen Charakter an, welcher die Theorie Lombroso's bestätigt.

S. 322 ff. bemüht sich Sernoff zu zeigen, dass die Breite des Stirnbeins in keiner Beziehung zu der Entwicklung der Frontallappen steht. Er gibt die an 42 Individuen gemachten encephalometrischen

Messungen und schließt: Den kleinen Stirnknochen (66°) entspricht eine größere Entwicklung der Frontallappen (links 105°, rechts 104°) und umgekehrt dem größeren Stirnknochen (889) entspricht die kleinere Entwicklung der Frontallappen (links 98°, rechts 100°).

Er hat aber die Werte seiner Daten nicht richtig erkannt, indem er nur die Ausnahmen nicht aber die herrschenden Gesetze gesehen hat. In der That, wenn er die 21 Fälle, wo die Entwicklung des Stirnbeins kleiner ist, betrachtet (66 bis 72), so ergibt sich ein Mittelwert für die Frontallappen = links 102,23 und rechts 101,00, während für die übrigen 21 Schädel (72 bis 80) die Zahlen 104,9 links und 104,14 rechts sind.

Aber wenn wir die mittelwertigen Schädel fortlassen und nur diejenigen, bei welchen die Entwicklung des Stirnbeins am kleinsten und am größten ist, in Betracht ziehen, so bekommen wir noch deutlicbere Resultate:

Rechts Links
Die ersten 10 Fälle von 66 bis 60: 101,30 101,60

Die letzten 10 Fälle von 74 „ 80: 105,70 105,30. Welchen Wert hat also die Behauptung Sernoff's (S. 325): „Man ersieht aus dem Gesagten, dass die von der Kraniometrie festgestellten Thatsachen der geringeren Größe der Stirnbeine am Verbrecherschädel dank den Ergebnissen der vergleichenden Encephalometrie gegenstandslos geworden ist ?"

Es geht daraus hervor, dass ein Autor Daten sammeln kann, ohne sie genau analysieren zu können.

Um das Ueberwiegen der höheren Zahlen in der Entwicklung des Gesichts bei Verbrechern im Vergleich zu normalen Individuen zu erklären (eine Thatsache, die er selbst annehmen muss), wendet er sich zu folgenden sophistischen Beweis; die schweren Verbrecher, wie Mörder, Diebe, Straßenräuber etc. (deren Schädel sich nur nach einer künstlichen Auswahl in den kriminellen Sammlungen finden) müssen, um diese Verbrechen vollbringen zu können, männlich, kräftig und erwachsen sein, daher ein stärker entwickeltes Skelett besitzen als normale Individuen, unter denen eine solche Auswahl nicht stattfindet.

Dies aber erklärt zunächst gar nicht das Ueberwiegen von jenen Messungen anderen gegenüber; außerdem ist es bekannt, dass Jerri in seinem Buche „L'Omicidio“ einen viel größeren Wert an diesen verschiedenen Messungen angegeben hat, indem er dieselbe in Verhältnis zu Alter, Statur, Körpergewicht betrachtet hat, d. h. viel genauer und mehr unter dem Gesichtspunkte des relativen als des absoluten Wertes.

Aber es ist sonderbar, dass, nachdem Prof. Sernoff sich so bemüht hat, die Wichtigkeit der sogenannten degenerativen Charaktere zu leugnen, auch in dem Fall, wo sie zahlreicher bei Verbrechern als

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