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LEIPZIG UND BERLIN,
DRUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER.

1904.

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Vorwort zur sechsten Auflage.

Bei der erneuten Herausgabe der ersten drei Bücher der Äneis sind dieselben Grundsätze befolgt worden, wie bereits in der 3. Auflage der drei letzten Bücher (Leipzig 1901). Wie dort ist für die Textgestaltung mit wenigen Ausnahmen die 2. Auflage der größeren Ausgabe von O. Ribbeck (Leipzig 1895) zu Grunde gelegt.

Die Anmerkungen zum Texte haben eine durchgreifende Nachprüfung und z. T. Neubearbeitung erfahren, die hoffentlich in der Mehrzahl der Fälle zugleich einen Fortschritt bedeutet und die Lebensarbeit des treuverdienten Virgilforschers nicht unwürdig weiterführt.

Als eine Neuerung erscheint eine knappe, für das Verständnis und das Bedürfnis des Schülers bestimmte Einleitung über Leben und Werke des Dichters. Denn der Vorschlag von Kappes, eine solche Beigabe durch lateinische Exerzitien nach Moritz Seyfferts Vorgange zu ersetzen, dürfte als regelmäßige Einrichtung, Jahr für Jahr, aus verschiedenen naheliegenden Gründen kaum durchführbar sein.

Chemnitz im Oktober 1903.

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Der Dichter und seine Werke.

Publius Vergilius*) Maro ist am 15. Oktober des Jahres 70 v. Chr. in dem Dorfe Andes bei Mantua geboren. Sein Vater war ein schlichter Landwirt, der im Dienste eines Gerichtsboten (viator) Magius dessen Gut verwaltet und sich dabei in so hohem Grade die Zufriedenheit und das Vertrauen seines Herrn erworben hatte, daß dieser ihm seine Tochter Magia Polla zur Frau gab. Wahrscheinlich durch den Tod des Schwiegervaters in den Besitz seines Anwesens gelangt, wußte er dank seiner Rührigkeit genug zu erübrigen, um seinem Sohne, dessen Begabung vermutlich in früher Kindheit hervorgetreten war, eine weit über seinen Stand hinausgehende Bildung geben zu lassen. Der Knabe erhielt seinen ersten Unterricht in dem benachbarten Cremona, dann in Mediolanum, ging aber bald nach Anlegung der Mannestoga nach Rom, der Hochschule für wissenschaftliche Bildung und dem Mittelpunkte des geistigen Lebens in Italien.

Ursprünglich mag der Vater seinen Sohn für den Beruf des Rechtsgelehrten ausersehen haben, und unser Dichter betrieb in der Rhetorenschule eifrig die Vorbereitung für diese Laufbahn. Aber dem lang aufgeschossenen Jüngling war eines der Haupterfordernisse zum Redner versagt, eine kräftige und ausdauernde Brust. Außerdem verfügte er allem Anscheine nach nicht über die nötige Schlagfertigkeit für das Wortgefecht der Parteien vor Gericht; er ließ es daher bei einem einzigen Versuche, öffentlich aufzutreten, bewenden und sagte dem Forum und der Rednerschule dauernd Lebewohl, um sich in der Heimat der Dichtkunst und den Wissenschaften zuzuwenden. Denn außer den Meisterwerken der griechischen und römischen Literatur hatte er besonders eifrig Philosophie studiert und sich sogar mit Mathematik und Astronomie beschäftigt.

In der ländlichen Abgeschiedenheit seines Heimatdorfes arbeitete er an seinem ersten bedeutenderen Werke, den Bucolica, als

*) So lautet die am besten beglaubigte Schreibung seines Namens. Der deutsche Sprachgebrauch schwankt zwischen der streng ans Lateinische sich anschließenden Form ,,Vergil“ und der im Mittelalter, sowie bei den romanischen Völkern üblichen, auch durch unsere Klassiker bei uns eingebürgerten Form „Virgil“.

sein friedliches Schaffen eine unliebsame Unterbrechung erfuhr. Als nämlich Oktavian nach seinem Siege über die letzten Vorkämpfer der republikanischen Partei, Brutus und Cassius, die Veteranen von vierunddreißig Legionen durch Ackerverteilungen im Gebiete der achtzehn italischen Städte belohnte, die zu seinen Gegnern gestanden hatten, da brach dieses Schicksal auch über die Nachbarstadt von Mantua, Cremona; herein. Bei der stürmischen Besitzergreifung durch die rohen Krieger wurden indes die Grenzen zwischen den benachbarten Stadtgebieten nicht gewissenhaft beachtet. Mantua vae miserae nimium vicina Cremonae! so klagte Virgil mit vielen Bewohnern von Andes; denn auch er wurde durch die gewalttätige Soldateska mit seinen Angehörigen von Haus und Hof getrieben. Wohl nahm sich der damalige Statthalter des cisalpinischen Galliens, Asinius Pollio, bekannt als feinsinniger Kritiker und Gönner der Dichter, des Vertriebenen an und verhalf ihm durch Vermittelung bei Oktavian wieder zu seinem Besitze; als aber kurze Zeit darauf sein Beschützer seinen Posten hatte niederlegen müssen und Alfenus Varus mit der Landverteilung betraut worden war, da wiederholte sich dieselbe Bedrängnis. Unser Dichter schwebte sogar in Lebensgefahr, weil er im Vertrauen auf sein gutes Recht und den Schutz des Oktavian sich nicht gutwillig der Gewalt fügen wollte.

Er fand in dem Landhause seines ehemaligen Lehrers Siron zu Rom mit den Seinigen eine Zuflucht. Von hier aus beklagt er in der 9. Ekloge sein Schicksal, und seine Bitte verklang nicht ungehört. Er lernte Mäcenas, den als hochsinnigen und freigebigen Freund der damaligen Dichter unsterblich gewordenen Vertrauten des Oktavian-Augustus, kennen, und seiner wirksamen Fürsprache verdankte er, daß ihm Genugtuung wurde. Gleichzeitig scheint er durch lockende Anerbietungen seines neu gewonnenen Gönners veranlaßt worden zu sein, auf die Rückkehr in die Heimat zu verzichten. Ein wahrhaft fürstliches Geschenk überhob ihn jeglicher Sorge um seine Existenz: er erwarb ein Haus auf dem Esquilin, einem der vornehmsten Viertel Roms, und einen Landbesitz in Kampanien in der Nähe von Neapel. In diesem Paradiese Italiens fühlte er sich mehr zu dichterischem Schaffen aufgelegt als inmitten des unruhigen und geräuschvollen Treibens der Hauptstadt, hier entstanden seine Meisterwerke, die Georgica in den Jahren 37 — 30, dann die Äneis von 30—19. Als das Epos im Rohbaue vollendet, zum Teile schon durch Vorlesung einzelner Bücher dem Freundeskreise und dem Kaiserhofe bekannt geworden war, gedachte der Dichter auf klassischem Boden, unter der Sonne Griechenlands, die abschließende Überarbeitung des Werkes vorzunehmen. Drei Jahre wollte er noch an diese Aufgabe wenden, den Rest seines Lebens aber wissenschaftlichen Studien, besonders der Philosophie, widmen. Schon befand er sich in Athen, als im Herbste des

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