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Ja hresbericht

von

Hermann Ulrici.

Vorgelegt der General - Versammlung der Deutschen Shakespeare

Gesellschaft am 8. October 1865.

V. V. Bevor ich im Namen und Auftrage des Vorstandes Bericht erstatte über den Stand der Angelegenheiten unsres Vereins, erlauben Sie mir wohl, in wenigen Worten der Bedenken, welche der Gründung einer Deutschen Shakespeare-Gesellschaft laut oder leise entgegentraten und nachdem sie gegründet, ihre Wirksamkeit zu hemmen drohen, Erwähnung zu thun, um sie wo möglich zu zerstreuen.

Zunächst erhob sich in vielen und vielleicht gerade in den edelsten Geistern das patriotische Gefühl gegen den Gedanken, einem fremden Dichter ein solches lebendiges, Erz und Stein überragendes Monument zu setzen, wie es nur den beiden grössten Dichtern unsres Volks zu Theil geworden. Dies patriotische Gefühl, das wir gewiss alle theilen, wurde in seinem Widerspruch, den wir alle, hoffe ich, nicht theilen, mächtig bestärkt durch den unglücklichen Umstand, dass gerade zur Zeit des dreihundertjährigen Geburtstags Shakespeare's die Nation, der er angehört, eine Stellung zur politischen Hauptfrage des Tages 'einnahm, welche den deutschen Patriotismus tief verletzte. Ich brauche indess wohl nicht darzuthun, dass vorübergehende politische Situationen das naturgemässe Verhältniss zweier Völker nicht aufzulösen vermögen, und dass von Natur Deutschland und England gleichsam auf einander angewiesen, fest und eng mit einander verbunden sind. Ich brauche Jahrbuch II.

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nicht nachzuweisen, dass Shakespeare Shakespeare bleibt, welcher Nation auch immer er angehören möge: nicht dem Engländer, sondern dem Dichter Shakespeare gilt unsre Verehrung. Ich brauche nicht von Neuem zu zeigen, was Andre bereits besser gethan als ich es vermöchte, dass wir ein gutes vollgültiges Recht besitzen, Shakespeare für einen deutschen Dichter zu erachten. Er selbst hat sich nicht um diese Ehre beworben; im Gegentheil, wo er der Deutschen seiner Zeit gedenkt, geschieht es -- vielleicht mit Recht

in so wenig schmeichelhafter Weise, dass wir ihm keinen Dank dafür schulden. Die englische Nation hat nichts gethan, ihren grössten Dichter uns näher zu bringen; im Gegentheil, sie betrachtet es wie einen Raub an ihrem Eigenthum und sieht mit Eifersucht auf unser erfolgreiches Streben, diesen Schatz uns anzueignen. Wir haben in freier, neidloser Erkenntniss seiner Grösse den grossen Briten zu einem deutschen Dichter gemacht; wir haben durch meisterhafte Uebersetzungen ihm die Hülle abgestreift, in die ihn der Zufall der Geburt und Abstammung gekleidet; wir haben zum tieferen Verständniss seiner Dichtungen, wenn nicht das Meiste, doch viel beigetragen. Der wahre ächte Dichtergeist gehört eben keinem einzelnen Volke, keinem einzelnen Jahrhundert an. An sich und im Grunde, d. h. auf den wahren ewigen Kern gesehen, giebt es so wenig eine deutsche, englische, französische Poesie wie eine deutsche oder englische Mathematik, eine deutsche oder englische Astro

nomie, Physik, Chemie. Nur weil hier die Schale weit enger mit . dem Kern verwachsen ist, weil es hier ungleich schwieriger ist, den

Inhalt in das Gewand einer andern Sprache einzukleiden und dem Genius eines andern Volks zu assimiliren, stehen sich deutsche und englische Dichtung fremder gegenüber als deutsche und englische Mathematik oder Naturwissenschaft. Aber wo es gelingt, diese Schwierigkeiten zu überwinden, wo ein glückliches Verhängniss schon von Natur, ursprünglich, eine so innige Verwandtschaft zwischen dem Geist und Charakter zweier Völker gestiftet, dass jene Schwierigkeiten sich bedeutend mindern, da ist es, denke ich, ein unberechenbarer Gewinn, einen Genius, wie Shakespeare, aus dem Bann seines Zeitalters, seiner Sprache und Nationalität gleichsam zu erlösen, ihn aus England in das geistesfreiere Deutschland, aus Deutschland in den noch freieren Boden der Welt zu verpflanzen.

Und darum muss ich ausdrücklich hervorheben, dass es ein Vorurtheil, ein Missverständniss ist, wenn man meint, die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft wolle nur dem Cultus eines fremden Genius als Opferstätte dienen, und ihr Unternehmen sei daher nur ein neuer Beweis jenes Mangels an Selbstgefühl und Selbständigkeit, ein neuer Ausdruck jener Abhängigkeit von fremdem Urtheil und fremder Autorität, welche uns Deutschen so oft zum Vorwurf gemacht worden. Im Gegentheil, wir wollen den Engländer Shakespeare gleichsam entenglisiren, wir wollen ihn verdeutschen, verdeutschen im weitesten und tiefsten Sinne des Worts, d. h. wir wollen nach Kräften dazu beitragen, dass er das, was er bereits ist, ein deutscher Dichter, immer mehr im wahrsten und vollsten Sinne des Worts werde. Und wir stellen uns diese Aufgabe in demselben Sinne, in welchem man sagen kann, dass es die Pflicht der deutschen Literarbistoriker, Kritiker und Aesthetiker ist, die deutschen Dichter, Schiller und Göthe und wer sonst zu den Koryphäen des deutschen Parnass gehört, zu wahrhaft deutschen Dichtern, zu Dichtern des ganzen deutschen Volks zu machen. Wir treiben daher auch keinen Götzendienst, in keinem Sinne des Worts. Im Gegentheil, - ich muss dies Wort immer wieder gebrauchen, wir wollen Kritik, strenge Kritik üben, wir wollen, eben um ihn wahrhaft zu verdeutschen, dem grossen Genius die Mängel und Flecken des Kleides seiner Zeit und Nationalität abstreifen, wir wollen den Edelstein schleifen und ihm eine neue, angemessenere Fassung geben. Aber dazu bedarf es einer genauen, gründlichen Feststellung dessen, was denn Shakespeare selbst eigentlich gesagt, gemeint und gewollt hat, vor Allem also einer kritischen Sichtung und Läuterung des überlieferten Textes seiner Werke. Dazu bedarf es einer gründlichen Erforschung seiner persönlichen Verhältnisse, seines Lebens und Entwickelungsganges, wie der Sprache und Literatur, der Geschichte und der leitenden Ideen seines Zeitalters. Diese Studien sind uns nur Mittel zum Zweck, aber nothwendige, unentbehrliche Mittel. Der Zweck selbst schliesst so wenig eine ästhetisch-kritische Beurtheilung der Shakespeare'schen Dichtung aus, dass er sie im Gegentheil fordert. Denn wir meinen keineswegs, dass Shakespeare's Werke alle und überall, in jeder Scene und jedem Worte, schlechthin mustergültig seien; wir verkennen keineswegs, dass sie ihre Schatten, ihre Mängel und Flecken haben. Insbesondre dürften Shakespeare's Dramen in ihrer ursprünglichen, völlig unveränderten Gestalt schwerlich auf die heutige Bühne zu bringen sein. Gerade hier will die Shakespeare-Gesellschaft mit ihrer Thätigkeit eingreifen. Sie hat sich die Aufgabe gestellt, sie hat die erste Absicht wenigstens, eine deutsche Uebersetzung der Shakespeare'schen Dramen in's Leben zu rufen, welche den Geist und Stil derselben in grösstmöglicher Klarheit wiederspiegeln, zugleich aber sie von Allem, was auf der Bühne heutzutage Anstoss erregt, wie von allem unwesentlichen, dem Bühnenpublicum unverständlichen Beiwerk reinige. Diese Bühnenübersetzung wird dann, so hoffen wir, auch in's Volk dringen und dem deutschen Volke das Shakespeare'sche Drama näher bringen, als es in seiner völlig unveränderten Gestalt möglich sein dürfte, - ein Unternehmen, das freilich den grössten Schwilerigkeiten unterliegt und daher nicht heute oder morgen zu Stande zu bringen sein wird.

Schon daraus ergiebt sich ferner, dass es uns nicht in den Sinn kommt, den deutschen Dichtern der Gegenwart die blinde Nachahmung Shakespeare's anzuempfehlen und den Fortschritt der deutschen Poesie an seine Fussstapfen fesseln zu wollen: Lessing bereits bemerkt mit Recht, man brauche keine Besorgniss vor Shakespearescher Nachahmerei zu haben: denn Shakespeare sei dyrchaus unnachahmbar; – aber, fügt er hinzu, der Genius Shakespeare's wiede uns ganz andre Genien erweckt haben, als die leider nachahmungsfähigen Franzosen. Lessing trifft hier wie immer den Nagel auf den Kopf. Nicht darin besteht der Segen, den ein grosser Genius der Kunst und Poesie unter seinem Volke ausstreut, dass eine grössere oder geringere Schaar von Nachtretern seinen Spuren folgt, sondern dass sein Geist und Sinn das Volk durchdringe, es hebe und fördere, und dass es dadurch' befähigt werde, aus sich selbst einen grösseren Genius zu erzeugen, eine höhere Stufe der

Bildung zu erklimmen. Nicht mus Ueberschätzung Shakespeare's • oder Unterschätzung der deutschen Dichterheroen, nicht um Göthe

und Schiller in den Schatten zu stellen und die deutsche Dichtung aus ihrer eigenthümlich deutschen Bahn abzulenken, heben wir Shakespeare auf den Schild und wollen ihn noch populärer machen als er ist, – sondern damit er im Verein mit Schiller und Göthe, im Verein mit allen ihnen verwandten Geistern die deutsche Poesie, die deutsche Kunst, die deutsche Schöpferkraft befruchte und eine neue, schönere Blüthezeit heraufführen helfe. Dieser Zweck, meine ich, ist wahrhaft patriotisch, weil er nicht nur dem wahren Wohl, der wahren Grösse, sondern auch dem wahren Geiste und Charakter des deutschen Volks entspricht. Denn wir sind nun einmal nicht darauf angelegt, in bornirtem Nationalstolz und Eigendunkel uns selbst zu bespiegeln und alles Deutsche bloss darum, weil es deutsch ist, für schlechthin vollkommen zu halten und mit Bewunderung anzustaunen; wir überlassen dies schale Vergnügen gern unsern Nachbarn. Wir haben nun einmal eine kosmopolitische Ader, einen Sinn für alles Grosse, Edle und Schöne, woher es auch stammen möge. Dieser Sinn gehört wesentlich zu unserer Volksthümlichkeit, er ist ein specifisch deutscher Charakterzug, vielleicht das specifisch deutscheste, von andern Völkern uns am bestimmtesten unterscheidende Element unsres Nationalcharakters. Sollen wir, um deutsch zu sein und deutschen Patriotismus zu zeigen, diesen specifisch deutschen Sinn verleugnen? hiesse das nicht vielmehr, aus purer Nachahmung fremden Stolzes und Eigendünkels undeutsch werden? Der Patriotismus ist um nichts besser als gemeiner Egoismus, hohle Ruhmsucht und weibische Eitelkeit, wenn er die Wahrheit verleugnet und an selbstgeschaffenen Illusionen sich nährt. Auch die Liebe bedarf der Wahrheit, wie die Wahrheit der Liebe.

An den patriotischen Standpunkt gränzt unmittelbar der par excellence praktische Standpunkt. Auch von ihm aus hat man Bedenken und Einwendungen gegen unser Unternehmen erhoben. Unsre Zeit und insbesondre das heutige Deutschland, meint man, hat einen andern, dringenderen, höheren Beruf als Verse zu machen, das Drama zu fördern und Dichter zu interpretiren. Die grossen Aufgaben der Politik, die Gründung wahrer Volksfreiheit und volksthümlicher Verfassungen, die Einigung Deutschlands zu Einem grossen mächtigen Reiche, eine seiner würdige Stellung in der europäischen Völkerfamilie, - nehmen alle freie Thätigkeit in Anspruch; ihrer Lösung haben die besten und edelsten Kräfte des Volks sich rückhaltlos zu widmen. Also fort mit jenem Theoretisiren und Speculiren, jenem Phantasiren und Poetisiren, jener Gefühls- und Gedankenseligkeit, die wie eine Krankheit am Mark des deutschen Volks, an der männlichen Thatkraft, lange genug gezehrt hat; fort mit Poesie und Musik, Kunst und Philosophie, wenigstens für jetzt und die nächste Zukunft! Gewiss, unsre Zeit und unser Volk hat jene grossen Aufgaben zu lösen; es muss sie lösen, trotzdem und obwohl über Sinn und Fassung derselben wie über die Mittel ihrer Verwirklichung leider noch sehr verschiedene Ansichten herrschen. Aber kein wahrer Kenner und Verehrer Shakespeare's wird sich der eifrigen Mitwirkung zur Erreichung des vorgesteckten Ziels entziehen. Denn eben aus Shakespeare können wir lernen, dass männlicher Muth, heroische Thatkraft, patriotische Hingebung, in der That das Mark des Volkslebens bilden, und dass, wenn dieser Kern krank ist, kein andres Glied gesund sein kann. Aus ihm können wir lernen, worin der grosse Unterschied zwischen Volksfreiheit und Pöbelfreiheit, zwischen wahrer und falscher Volksthümlichkeit besteht. Aus ihm können wir lernen, dass das Königthum von Gottes Gnaden und trotz göttlicher Gnade nur zum Ver

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