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also ist seiner Lesung und Erklärung ein Feld von unmittelbarster und segensreichster Fruchtbarkeit eröffnet.

Wir kommen schliesslich zur ästhetischen Betrachtung und Auslegung Shakespeare's und finden, wenn irgendwo, so hier den glänzendsten Beweis dafür, dass er nichts weniger als veraltet ist, dass er vielmehr für uns noch volle, ja vielleicht noch höhere Geltung besitzt als selbst für seine Zeitgenossen. Unsere Aesthetiker sind von den verschiedensten Standpunkten an Shakespeare herangetreten: Schlegel vom romantisch - poetischen, Ulrici vom systematischphilosophischen, Gervinus vom historisch-politischen, und andere von anderen. Wenn wir diese Ausleger sämmtlich von einer gewissen Einseitigkeit, die am Ende jeder Individualität anhängt, nicht freisprechen wollen, so fällt es nur um so bedeutungsvoller in's Gewicht, dass sie jeder von seinem besondern Ausgangspunkte aus zu dem übereinstimmenden Ergebniss gelangt sind, in Shakespeare den grössten Dichter wenigstens der neuen, wenn nicht aller Zeit zu erkennen und zu bewundern. Nun vertritt aber jeder dieser Aesthetiker die Denk- und Anschauungsweise von Tausenden, welche mit ihm in Shakespeare den Dichter sehen, der ihrem poetischen Ideal am nächsten kommt. Kann es einen zwingendern Beweis geben, dass die verschiedenen Richtungen unserer gegenwärtigen Kunstund Weltanschauung, die romantische, die schulphilosophische, die historisch-politische u. 8. w. sämmtlich in Shakespeare Platz finden, ja ihn noch nicht einmal erschöpfen? dass der Gedankeninhalt unserer Zeit in Shakespeare noch immer seinen höchsten poetischen Ausdruck findet? Das ist eine Thatsache, die sich nicht umstossen lässt, und die sich in Bezug auf unsere eigenen Klassiker wenigstens nicht in gleichem Maasse herausgestellt hat.

Der deutschen Aesthetik gebührt das Verdienst, in Shakespeare einen Dichter erkannt zu haben, welcher zu gleicher Zeit „Schöpfer und Bild der Regel“ ist. Den Genius Shakespeare haben auch Andere erkannt oder doch geahnt; die Erkenntniss des Künstlers Shakespeare verdankt die Welt den Deutschen. Unsere Wissenschaft hat die Gesetze seiner Kunst entdeckt, dargestellt und zugleich nachgewiesen, dass seine Kunstgesetze auch noch die unsrigen sind. „Shakespeare,“ sagt Freytag, selbst ein ausgezeichneter Bühnendichter, in seiner Technik des Dramas S. 5, „schuf das Drama der Germanen; seine Behandlung des Tragischen, Disposition der Handlung, Methode der Charakterbildung, Darstellung der Seelenprozesse bis zum Höhenpunkt, Einleitung und Katastrophe haben für diese Theile des Dramas die technischen Gesetze, welche noch uns leiten, festgestellt.“ Er fusst daher fast überall auf Shakespeare und lässt seine Stücke als Beispiele und Muster für die Composition des Trauerspiels dienen, während er die Spanier und Franzosen nirgends heranzieht. „Schönheiten und Fehler des Calderon und Racine,“ fügt er binzu, „sind nicht die unsern, wir haben von ibnen nichts mehr zu lernen und nichts zu frirchten.“ „Im Ganzen betrachtet," heisst es an einer andern Stelle S. 159, „hat Shakespeare die Form und den Inhalt auch unserer Stücke festgestellt. Auch in den folgenden Blättern muss immer wieder von ihm die Rede sein, deshalb werden hier nur einige Besonderheiten seiner Zeit und seines Wesens erwähnt, welche wir nicht mehr nachahmen dürfen.“

So zeigt es sich, dass Shakespeare auch für unsere Bühnendichter selbstverständlich auch für unsere Bühnenkünstler') -- noch heute als Führer und Vorbild dient, und dass von ihm die Erneuerung und Weiterführung auch unserer - ja aller -- dramatischen Poesie und Kunst auszugehen hat. Seine Bedeutung für uns ist nach allen Richtungen viel mehr im Steigen als im Sinken begriffen, und je eingehender sich unsere Gebildeten, unsere Gelehrten und unsere Dichter mit ihm beschäftigen, desto mehr werden sie von der Wahrheit dieser Thatsache durchdrungen werden, desto williger werden sie sich beugen vor dem Dichter, dessen Tragödien nach Gottschall's eigenen Worten (Poetik 452) , das Wesen der Menschheit in ibrer Totalität erschöpfen.“

9) Ueber das Verhältniss unserer Bühnenkünstler zu Shakespeare wollen wir einen der grössten unter ihnen für uns sprechen lassen. In dem kürzlich erschienenen Werke: „Heinrich Anschütz. Erinnerungen aus dessen Leben und Wirken“ u. 8. w. (Wien, 1866) wird berichtet, dass Ludwig Devrient Anschütz einst folgenden Rath gegeben: „Spiele Du Helden, auf meine Verantwortung. Spiele aber nicht zu lange Schiller und Liebhaber, sondern mache Dich so früh als möglich an den Shakespeare. Da kannst Du die Leidenschaften der Menschen am besten studiren, und zur Ausführung hat Dir die Natur das Mark des Geistes und Leibes gegeben. Auch findest Du durch Shakespeare am besten den Uebergang zu älteren Charakteren bei kräftigen Jahren. Denn nichts ist für den Schauspieler gefährlicher, als Liebhaber spielen bis man nicht mehr kann.“ Anschütz’es Entwickelungen Shakespeare’scher Charaktere werden von einem Recensenten der Allgem. Zeitung ganz besonders der Beachtung des Realisten empfohlen.

Nachschrift.

Die von der geehrten Redaktion auf S. 103 hinzugefügte Bemerkung nehmen wir im Interesse der verfochtenen Sache bestens an. Sie kommt uns wesentlich zu Hülfe. Denn wenn nach den Münchener Erfahrungen selbst die griechische Tragödie dem unmittelbaren Genusse unserer gebildeten Stände noch nicht völlig entrückt ist, wie viel weniger kann dann von einer Veraltung Shakespeare's die Rede sein! Eine Ausgleichung der von uns aufgestellten Ansicht mit derjenigen der geehrten Redaktion scheint uns darin zu liegen, dass wir von der Annahme eines lediglich modern gebildeten Publikums ohne allen gelehrten Anflug ausgehen, während wir freilich zugestehen müssen, dass wenigstens in Deutschland ein solches Publikum schwerlich vorhanden sein möchte. Was Platen angeht, so haben wir uns über seinen Mangel an Witz übereinstimmend mit der geehrten Redaktion - bereits in Wolfsohn's Nordischer Revue Bd. t, Hft. 1, S. 97 ausgesprochen.

Cordelia als tragischer Charakter.

Von

W. Oehlmann.

Tiner

iner der schwierigsten Shakespeare'schen weiblichen Charaktere ist unstreitig der der Cordelia. Was ist nicht Alles von Erklärern darüber vorgebracht, um den Dichter zu rechtfertigen oder mindestens zu entschuldigen dass er ein so edles Wesen habe so Hartes dulden, ja untergehen lassen, und noch dazu ganz abweichend von der Erzählung, die er benutzte und worin sie nicht untergeht! Wie rauh, wie hart! Ist nicht hier dem Grässlichen, dem uiapov eine Concession gemacht? So sagt uns denn der nüchtern- kalte ., Realist - in seinen Shakespeare - Studien speciell vom Lear, der Dichter habe wirklich hier gefehlt; die erste Scene desselben sei, wie schon Göthe bemerkt, absurd, Stoff und Handlung des Stücks so kindermärchenhaft-schaurig, dass man es als Tragödie gar nicht ansehen könne; und dass die Lieblingstochter Lear's, die er doch längst gekannt haben müsse, ihr Erbrecht verliere, blos weil sie ihr Gefühl gegenüber den Hyperbeln ihrer Schwestern in einfache und etwas dürftige Worte kleide, sei eine Einleitung für ein Kindermärchen, nicht aber für eine erschütternde Tragödie. Cordelia werde im Gefängniss aufgehängt (wie Desdemona von ihrem Gatten erwürgt, Ophelia in Wahnsinn falle und sich ertränke), was lasse sich da von Gerechtigkeit reden! Es müsse doch ein entsprechendes Maass von Schuld voraufgehen; dass Cordelia dem alternden Vater, dessen Naturell sie kennen musste, mit ein paar

freundlichen Worten hätte entgegenkommen können, sei ein solches Maass von Schuld nicht.

Also, wenn Shakespeare auch nicht ganz als der „trunkene Wilde“ Voltaire's angesehen werden darf, ein klein wenig ist er es doch! Es ist gewiss gerechtfertigt, dass, ehe wir eine solche Auslegung unterschreiben, wir uns umsehen, ob es nicht andere, bessere gebe.

Ein anderer Shakespeare - Erklärer sagt uns, an die Menschheit, welche im Lear dargestellt werde, sei noch keine Cultur herangetreten; sie wisse noch von keiner Religionssatzung, keiner Erziehung, keinem Sittengesetz, und natürlich gehe in einer solchen Zeit auch eine herrliche Blüthe unter, die, der Himmel weiss durch welchen Glücksfall, aus dem allgemeinen Pfuhl als Victoria regia emporgewachsen ist, sobald der Schicksalswagen sich nur in Bewegung setze, und die Hufen seiner Rosse, mitleidlos darüber hinstürmend, sie zerstampfen - das Loos des Schönen auf der Erde ganz besonders in so roher Zeit. Gewiss, eine höchst bedenkliche culturhistorische Erklärung bei einem Dichter, der auf der Bühne dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck seiner Gestalt hat zeigen wollen, und der doch in einer ganz christlichen Zeit lebte; ja der in das Drama Lear so viele Züge verwebte, die eher einer uncultivirten Zeit angehören.

Ein dritter Erklärer, der ein christlicher sein will, sagt, nach christlichen Begriffen sei ein Märtyrertod kein Grässliches, vielmehr ein Erhabenes, ja Wünschenswerthes, und Shakespeare lebe in dieser Anschauung. Leider enthält dies aber wohl eine doppelte petitio principii : ist denn Çordelia wirklich so ganz schuldlos? und wenn sie es wirklich ist, für welche Märtyrerkrone stirbt sie denn? Doch nicht etwa, dass sie dem Vater das Königreich wieder erobern will oder sich ihr Drittel desselben? In ihre Hände war ja schon der Vater wieder gefallen, durch Nichts wird angedeutet, dass sie sich mit ihm nochmals in den Kampf hätte stürzen müssen. Man sage doch lieber gleich: die ganze Welt ist erbsündlich verdorben und insofern auch Cordelia nicht ganz rein; der Dichter habe sie also keineswegs zu hart behandelt, sondern nur ihr allgemeines Menschenprognostikon zur Erscheinung gebracht. Ich meine aber doch, wir könnten wohl verlangen, dass der Dichter uns eine solche Intention wenigstens etwas deutlicher zu erkennen gegeben hätte. Statt dessen rühmt sie sich sogar, dass sie Gutes gewollt habe und doch nicht die Erste sei, die dafür schwer dulde. Sie hätte hiernach aber vielmehr sagen müssen, dass sie die Kraft

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