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Scenen einlegt, die zu der lockerern Gattung der Episode zu zählen sind: Zugeständnisse an die Gewohnheit, Sitte, das Lachbedürfniss seiner Zuhörer, kleine einzelne Bilder verschiedener Art, die über das hinausgehen, was streng der Zusammenhang der Handlung erfordert. Aber man kann nicht behutsam genug unterscheiden. Episode: das ist ein schwieriger Begriff. Shakespeare's oberster Grundsatz ist, Alles zu beleben, nichts flach, allgemein, abstrakt, todt liegen zu lassen, – Lebendigkeit um jeden Preis und wäre es um den der Hässlichkeit! Nennt man nun alles Das Episode, was nicht ein für die Handlung nothwendiges Geschehen enthält, sondern nur dient, den Charakteren der Handelnden und der Stimmungsfarbe des Ganzen volleres, wärmeres Leben zu verleihen, und denkt man sich unter Episode ein eingelegtes, an sich überflüssiges Bild, in welche Grenzen der frostigen Magerkeit wird man die zum Realismus, zum gesättigten Colorit überhaupt und nothwendig strebende moderne Poesie einklemmen! Die Pförtnerscene, die Bestellung der Mörder Banquo's im Macbeth sind entbehrlich: - wer möchte sie missen! Mit jener ginge ein Ruhepunkt und Contrast zugleich verloren, der geradezu Bedürfniss ist, mit dieser ein ausgezeichnet wirksamer Beitrag zum Mordgeruch, der durch das Ganze geht. Man streiche im Hamlet den Abschied zwischen Polonius und Laertes, das Gespräch zwischen jenem und Reinhold, und wir sind auf die wohlweisen Schliche, Pfiffe, Räthe und Geckenwitze des Alten vielmehr eben nicht vorbereitet, er wird ein Gerippe ohne Fleisch, ja dann erst ein Zerrbild; man streiche die Todtengräberscene, und es wird sein, als wüsche man, von einem historischen Gemälde ein Stück Landschaft weg, das durch düstere Stimmung, trübes Licht und etwa ein paar grelle Weidenknorren höchst wirksam das Tragische der dargestellten Handlung hebt. Alles das aber hält Rümelin für willkürliche Einschaltung, die ebenso leicht in einem andern Stück ihren Platz fände. Nur ein Theil des Gesprächs mit den Schauspielern ist wirklich als solche, als Episode der lockern Art oder, wenn man bei dem Wort Episode überhaupt an lockeres Einschiebsel denkt, einfach als Episode zu bezeichnen.

Man sieht, durch welche Betrachtungen und Auffassungen Rümelin auf die Vorstellung gekommen ist, dass Shakespeare überhaupt Stückweise, Scenenweise gearbeitet, dass er so gut als nicht componirt habe. Dies ist nun ein Thema, das eine besondere Untersuchung fordert. Eine solche müsste vor Allem zwischen Komödie und Tragödie unterscheiden. Komödie hätte Shakespeare auch seinen Heinrich IV. und V. genannt, wenn nicht der geschichtliche

Inhalt die Eintheilung unter die chronikled histories begründet hätte. Shakespeare componirt in den Komödien anders, als in den Tragödien; freier, lockerer, mit Neigung zum Dualismus der Fabel. Das passirt ihm nicht von ungefähr, das hält er für Recht. In der Tragödie stellt er die höchsten Anforderungen an sich, und er erfüllt sie. Er ist in der Kunst der Gliederung, in der Tiefe der Durchdenkung womöglich noch staunenswerther, als in der Genialität der Erfindung und Fülle der Belebung. Dies muss ich hier unbewiesen hinstellen. Ungern verzichte ich namentlich darauf, mit Beispielen die Resignation zu belegen, womit er die Ausführung von Scenen opfert, die für sich von der ergreifendsten Wirkung wären, die aber an der bestimmten Stelle den reissenden Gang der Handlung aufhalten würden; nur an die paar Worte im Lear erinnre ich, womit Edgar den Tod seines Vaters erzählt: welcher andere Dichter hätte wohl dem Reize widerstanden, das riihrend schöne Motiv wirklich zu entwickeln! Es wimmelt von Keimen zu Dramen in den Dramen Shakespeare's; nicht nur aus seinem Aermel, aus einer Falte seines Aermels könnte man einen Rock für manchen armen Schlucker im Dienste Melpomene's zurechtschneiden. Besonders aber wäre es eine schöne Aufgabe, auf die kleinen, feinen Züge, die kurzen, leisen Winke aufmerksam zu machen, durch die er das aufmerksame Auge, das er fordert, auf den rothen Faden der Einheit in den Charakteren und im Ganzen hinweist, die „Drucker“, die Licht- und Farbenpunkte, die er nur mit der Spitze des Pinsels aufsetzt und über die man freilich bei der Restauration seiner Gemälde nicht mit grobem Schwamm oder Kehrbesen fahren darf.

Zum Schlusse noch ein persönliches Wort! Rümelin hat die ,,deutschen Professoren der Aesthetik“ auf dem Korn, ,, die die Auffindung der Grundidee in Shakespeare's Dramen für ihr Hauptgeschäft halten, --- dafür den möglichst abstrakten Ausdruck suchen --, die vor- und rückwärts blättern und aus den zerstreuten Reden jeder Person ein abgeschlossenes Charakterbild zusammenlesen wollen, - aus der unendlichen Anzahl denkbarer Bezüge Nahes und Fernes in einer neuen Combination mischen, denen eine dramatische Dichtung verstehen nichts Anderes heisst, als an ihr die Begriffe moderner deutscher Aesthetik erproben“ – kurz die Männer der „ästhetischen Salbaderei und philosophischen Phrase“. Es giebt mir dies eine willkommene Gelegenheit, den Zuhörern meiner ersten Vorlesungen tiber Shakespeare zu sagen, dass ich längst meinen Gegenstand anders behandle, als in jener Zeit, und ihnen zu er

klären, wie ich zu dem damaligen seltsamen Verfahren kam. Ich hatte mir ursprünglich vorgenommen, einzelne Seiten Shakespeare's zu beleuchten. An sich, das wird man gerne zugeben, ist es kein Unsinn, sich bestimmte Gesichtspunkte als Rubriken festzustellen, nach welchen ein Dichter geschildert, beurtheilt wird, als z. B.: Shakespeare nach dem Umfange der Lebensmotive (ráln), die er behandelt bat; - Shakespeare als Charakterzeichner —; Shakesspeare in seiner Auffassung des Schicksals u. 6. w. Wer in getreunten einzelnen Aufsätzen diese Seiten bespräche, der würde nur thun, was von jeher die Kritik, das literarische Charakterbild ganz einfach und natürlich gefunden, ganz unbehelligt gethan hat. Allerdings werden dann die Dichtungen auseinandergerissen, der ganze Stoff unter Eintheilungen gebracht, welche nicht die des Dichters sind, doch das begründet gar keinen Vorwurf. Nun aber war mein Fehler, nicht einzusehen, dass, wer in Einem Zuge den ganzen Shakespeare zu behandeln, insbesondere jugendlichen Zuhörern lebendig vorzuführen hat, keineswegs so verfahren darf, wie es in einzelnen Abhandlungen erlaubt ist. Die Glieder jedes Dramas müssen beisammenbleiben; es entsteht eine peinliche Verrückung und Wiederholung, wenn z. B. zuerst die Grundideen der sämmtlichen Dramen hervorgestellt, dann das Personal derselben vorgenommen und charakterisirt, dann wiederum auf jedes der Reihe nach zurückgegangen wird, um die Form zu beleuchten, in welcher das Schicksal damit waltet. Ich hatte freilich den guten Willen, den so auseinandergenommenen Bau der Stücke zu reconstruiren in einem besondern Capitel über Composition; allein dazu reichten die Semester nicht mehr und so entliess ich meine Zuhörer mit der Erinnerung, die disjecta membra poetae hier in einem philosophischen Professorenfachwerk aufgestellt gesehen zu haben. Ich bin zufrieden, wenn man begreift, wie Jemand auf einen solchen Unsiun gerathen kann, ohne eben verrückt, ohne philosophischer Hochmuthsnarr zu sein; ich bin noch zufriedner, wenn man für möglich hält, dass vielleicht die Praxis doch besser war, als ihre Schulordnung, und dass ich, weil ich selber eigentlich doch lebte, vielleicht trotz alledem meinen Dichter den jungen Augen, die zu mir aufsahen, lebendig machte; den Fehler selbst gebe ich jeder Kritik mit gutem Humor Preis, auch wenn sie von einem alten Schüler herrührt, der vielleicht trotz demselben etwas bei mir gelernt hat. Hätte ich über das Ganze der Shakespeare - Studien“ zu schreiben, so hätte ich gar manche Parthien des sehr zeitgemässen Buches mit voller und freudiger Anerkennung zu begleiten; ich dart sagen, ich bedaure es um dieser

Parthien willen, dass andere, namentlich aber die hier besprochenen, aus gesundem Realismus in so gröblichen Naturalismus fallen.

Ich schliesse mit dem erneuten Gefühle, dass der Hamlet noch lange nicht erschöpft ist, nie erschöpft sein wird. Es giebt nur Ein Gedicht, das ihm in der Eigenschaft gleichkommt, den Charakter der Unendlichkeit, der keinem wahren Kunstwerke fehlt, in ganz besonderem Sinn an sich zu tragen: Göthe's Faust. Beide Gedichte erfahren immer neue Deutungen, und Niemand fällt es doch ein, ihnen daraus einen Vorwurf zu machen, dass Kant's Definition: schön ist, was ohne Begriff gefällt, so schlecht auf sie zu passen scheint; von beiden sagen wir uns mit Gewissheit, dass die Dichter selbst die sprossende Gedankenwelt, die sie in ihre lebendigen Bilder ahnend hineingesenkt, mit dem Worte des Begriffes nimmermehr heraufzuholen vermöchten; beide spannen, rühren, erschüttern auch Den, der sich über jene Gedankenwelt kaum die nothdürftigste Rechenschaft zu geben weiss, und ebendarum gereicht ihr Dunkel ihnen nicht zum ästhetischen Vorwurf; Göthe's Faust geniesst dies Vorrecht freilich nur in seinem ersten Theile; poetisch gemessen ist er ein Torso; der Hamlet aber ist kein Torso, sondern ein fertiges, ganzes Bildwerk, um dessen ungebrochne, scharfe und klare Umrisse die Luft von brütendem Geheimniss zittert.

Shakespeare und die Tonkunst.

Von

Friedrich Förster.

Wenn wir in unsern Tagen Sinn und Verständniss für Musik, , freudige Begeisterung für die Meisterwerke dieser Kunst selbst in denjenigen Schichten der Gesellschaft finden, denen ihre äussern Lebensverhältnisse nicht verstatteten, durch Unterricht und durch das Anhören vollendeter Aufführungen der höchsten Schöpfungen der Musik in der Oper, dem Oratorium, den Symphonieconcerten und Academien sich eine gründliche musikalische Ausbildung zu verschaffen, so hat dies nichts Verwundersames, da Kirchenmusik, Gartenconcerte, Militärmusik, ja selbst die Bänkelsänger mit ihren Drehorgeln musikalische Genüsse mannigfaltiger Art Allen zugänglich machen. Wohl aber muss es Erstaunen erregen, wenn wir Shakespeare als einen, mit tiefer Einsicht in das Wesen der Musik und edelster Begeisterung für diese Kunst begabten Dichter kennen lernen. Seiner Geburt nach gehörte er einer Nation an, welcher im Allgemeinen der Sinn für die Musik verschlossen zu sein scheint, (nur die Irländer und Schotten haben schöne Volkslieder); selbst in den höheren Kreisen der Gesellschaft zu jener Zeit fand man vornehmlich an der Fidel und am Dudelsack Vergnügen, etwas Klimpern auf dem Spinett galt für eine aussergewöhnliche Leistung. In der Kirche, im Theater und in den Königshallen fanden Musikaufführungen statt, welche weit hinter denen zurückblieben, die wir gegenwärtig in Deutschland in der kleinsten Provinzialstadt, ja selbst in Dorfkirchen und Dorfschenken finden.

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