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Die Charakterzüge Hamlet's,

nachgezeichnet

von

einem Nichtphilosophen.

In den meisten Stücken Shakespeare's sind die Charaktere so greifbar, lebenswahr, und dennoch nur in ihren Umrissen und markirenden Zügen hervorgehoben. Anders bei Hamlet. Innerhalb Hamlet's Charakter liegt vorzugsweise die bewegende und hemmende Macht, welche den Gang des Stückes bedingt; und daher sah sich der Dichter veranlasst, den Spiegel, den er sonst in weiterer Entfernung Welt und Menschen vorzuhalten pflegte, einer einzigen Person zu nähern, um ihre Eigenschaften und die Vorgänge in ihrer Seele im Detail und mit diesem die Motive des Stückes sich abzeichnen zu lassen. Nur die Nebenfiguren hält Shakespeare in seiner gewöhnlichen grossen Manier, sie machen durch die weniger in's Einzelne gehende Zeichnung, wie auch durch ihren geringeren Gehalt den Eindruck, als seien sie der ohnehin stark markirten Hauptperson nur zu Schmuck und Erklärung beigegeben. Es erscheint daher natürlich, dass Hamlet's Wesen, das so in seinen feinsten Recessen geschildert ist und hierin auch trotz der Schwierigkeit einer objectiven Menschenkenntniss verstanden sein will, ein Gegenstand der eifrigsten Controverse geworden ist. Ueberdies aber, zur Vermehrung der Schwierigkeit, hat man, wie mir scheint, den geraden Weg der Untersuchung meist verlassen, indem man fast obligat neben die allgemeine Frage nach dem Charakter Hamlet's, getrennt und specialisirt die Frage aufstellt, warum Hamlet nicht

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zum Handeln gelangen könne, und mit einem Zauberwort, wie man Räthsel löst, diesen Punkt zu erledigen sucht.

Gesetzt aber auch, man habe alle Punkte, in denen Hamlet's Nichtsthun sich äussert, unter einen Gesichtspunkt gebracht, man habe sogar für alle diese Fälle einen Erklärungsgrund gefunden in irgend einer Geisteseigenthümlichkeit, so wird nichts destoweniger in der Anwendung sich vielfach eine Incongruenz erweisen.

Welche Eigenschaft wäre es auch, die erschöpfend Hamlet's Nichthandeln erklärte? Das Allzuvielbedenken? Hamlet folgt rasch, muthig, rücksichtslos dem Rufe des Geistes. Er ersticht in rascher Aufwallung den Polonius. Im Seekampf springt er zuerst und allein auf das feindliche Schiff. Solche Thaten sind nicht die eines Menschen, der aus allzuviel Grübeln nicht zum Thun gelangen kann. Sollte Thatkraft und Leidenschaft sich nicht überall decken? Auch der kalten, raschen Entscheidung ist er fähig. Wie kurz entschlossen z. B. sendet er Rosenkrantz und Güldenstern in's Verderben. Welche Eigenschaft in Hamlet man sonst in Betracht ziehen möge, keine einzige, – auch nicht von mehreren abwechselnd eine, — wird man finden, die so angethan wäre, dass sie nothwendig ein Nichthandeln bedingte. Und kein Grund, der dies Nichthandeln erklären soll, wird dies in dem Sinne vermögen, dass er auch auf Hamlet's Handeln wie dies doch sein müsste ein genügendes Licht würfe.

Es kann sich vielmehr leicht treffen, dass ein Grund, der hier das Unterlassen bewirkt, dort zum Handeln treibt, dass, was hier zur Negation, dort zum Gegentheil wird. Wie kann man dann aber sagen, dies ist ein Grund, der nur hemmend einwirkt in eines Menschen Leben, wenn er wiederum schafft? Ferner wird eine Ursache, welche der Activität im Wege steht, nicht immer allein wirksam sein; eine Leidenschaft, eine Gemüthsbewegung, irgend ein andres Motiv wird vielmehr aus der Tiefe auftauchen und ein zweites, ein drittes, urplötzlich auftretend oder allmählig sich erhebend, wird das erste coupiren oder sich mit ihm associiren. Wer könnte in dem lebendigen Wogen der in der Leidenschaft zur Action treibenden Eigenschaften eines Menschen, herausgreifend und schematisirend, auf ein gewisses Nichtthun eine gewisse Eigenschaft anpassen, ohne schliesslich statt auf eine Charaktereigenthümlichkeit, auf einen geistigen Defect zu treffen? Nur im Charakter überhaupt und nur durch Verfolgen der einzelnen Züge, je nachdem sie ihre Wirkung äussern, nicht dadurch, dass man eine Geisteseigenschaft herausgreift und die Vorgänge unter sie subsumirt, kann der Grund

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Jahrbuch II.

von Hamlet's Zögern gefunden werden. Vor Allem aber sollte Thun und Nichitthun nicht gesondert werden; denn in Thun und Nichtthun vereinigt ist der Charakter begriffen. Trennt man beides, fragt man nach einem besondern Grund des Nichtthuus, so wird man auf einen Charakterfehler kommen, der Hamlet's Wunsch nach Rache in dem Weg gestanden hätte. Einen solchen aber würde Shakespeare sicherlich nicht als Angelpunkt gewählt haben, auf dem sein ganzes Stück sich bewegen oder vielmehr hätte hängen bleiben sollen. Vielmehr dem Wollen und Ringen eines Mannes, wie Shakespeare ihn hier schildert, steht als Hinderniss eine Verkettung von Geistes- und Charaktereigenthümlichkeiten gegenüber, die, in ihrem Extrem sich gegenseitig bedingend, ihn wie in einem Netz gefangen halten: einen einzelnen Feliler, z. B. ein allzugenaues Ergrübeln, würde Hamlet mit der Schärfe seines Geistes bald erkannt und besiegt haben. (Erkannt hat er ihn auch, aber nicht besiegt. D. R.)

Im Hamlet ist nicht wie in anderen Stücken Shakespeare's die Geschichte einer Leidenschaft, die Entwickelung weniger guter oder schlechter Charaktereigenschaften dargelegt; Shakespeare stellt sich in ihm die grössere Aufgabe, eine Menschenseele in ihrer Totalität, in der fluktuirenden Action und in den feinsten Vibrationen, in denen die Nerven schwingen, verständlich und aus der ganzen Anlage des Stücks erklärlich zu machen. Das Drama Hamlet kann zwar keine blosse Charakterschilderung, aber doch eine Entfaltung, oder vielmehr ein Sichentfalten eines Charakters gegenüber den Drangsalen dieser Welt sein. Gemäss dieser Anlage des Ganzen markirt Shakespeare nicht einzelne Fehler, sondern mit dem ruhigen Ausmalen und Ilinzufügen entwickelt er theils im Thun, theils im Nichtthun alle Züge, die sich zu einem pikanten und originellen Porträt zusammenfügen. Die folgenden Bemerkungen suchen einige charakteristische Striche des Gemäldes durch sorgfältige Nachzeichnung hervorzuheben.

I.

Eine Eigenthümlichkeit Hamlet's, die seine Thatkraft schwächt, ist, dass die nächste Wirklichkeit so oft für ihn verschwindet. Durch die Phantasie oder die Aussenwelt angeregt, fasst er einen Gedanken auf; einmal aufgenommen, spinnt er denselben, einzig damit beschäftigt, aus, in gänzlichem Vergessen der Dinge, die um ibu her sind. Der Beispiele dieses Versiukens in sich und den Gegenstand seiner augenblicklicheu Erwägung sind viele. Er vergisst

z. B. auf der Platform, dass er den Geist seines Vaters sehen soll, in einer Ausführung über die Trinksitte in Dänemark. Den Schauspielern, die er als Mittel zu seinem Zweck berufen, giebt er, uneingedenk seines Vorsatzes, die eingehendsten Lehren über ihre Kunst. Indem er zu Rosenkrantz und Güldenstern spricht, die den Grund seiner Melancholie wissen wollen, entströmen ihm unmittelbar die Klagen über die Trübung der Freude an dieser Welt. Häufig ruht er sich von Aufregungen aus in Monologen, die ihn von ihrem specielleren Anlass weg hinaus in's Allgemeine führen. Die innere Welt ist ihm eben mehr als die äussere, die Wirklichkeit; in sie zieht es ihn immer wieder zurück. Bei einer solchen Anlage ist es natürlich, dass der Inhalt seiner Ueberlegungen und Betrachtungen als solcher für Hamlet eine Realität, die Thätigkeit des Denkens und Erkennens Selbstzweck wird. Hamlet schweift daher mit Lust von einem Gegenstand zum andern; den Schlusssatz aber, den er seiner Reflexion zufügt, giebt ihm nicht die Norm eines energischen Handelns, sondern das Resultat des Ueberlegens ist an und für sich ihm eine Beruhigung, eine That. Sein Denken ist keine markige Skizze zu dem massiven Bau des Thuns; es ist in sich selbst ein ausgeführtes Gemälde, oft von grosser Schönheit, öfter von grosser Kunst.

So wenig nun Hamlet' die Gedanken zu ihrem Ziel und Ende, einer planvollen Ausführung, zu leiten vermag, so wenig ist er fähig, eines gemüthlichen Eindrucks, der ihn schmerzlich ergreift, Herr zu werden.

Hamlet's geistiges Leben ist feingewoben, und, wenn es in seiner eignen Welt fern von jeder Störung sich entfaltet, von einer erhabenen Schönheit. Doch diese wird getrübt, sobald Welt und Menschen zu ihm in Beziehung treten; beide verwirren ihn und regen ihn auf. Er gleicht einem zartgestimmten Instrument, das, wenn ein leiser Lufthauch darüber weht, die wunderbarsten Melodien tönt, im Sturm aber schrill und verstimmt klingt. Denn der Charakter, der im richtigen Steuern durch die bunt heran sich drängenden Elemente sich zu bewähren hat, ist bei ihm unkräftig; er entbehrt der Fähigkeit, bei Berührung mit der Aussenwelt, bei Stoss und Gegenstoss der Leidenschaften den Zügel so zu führen, dass Seele und Geist in gebundener Ruhe ihre Kraft nach aussen wenden können. Wer möchte daran zweifeln, dass Hamlet heimisch sei in der geistigen Welt? Er beherrscht sie königlich durch Scharfsinn, Phantasie, Witz und durch die Kühnheit, mit der er dem zu Erfassenden gegenüber tritt. Diese Welt ist ihm die Wirklichkeit, die Heimath,

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und zwar eine streng abgegränzte Wirklichkeit. In der flir ihn jenseits liegenden, äusseren Welt ist er Fremdling, und wie ein Fremdling wandelt er mit unsicherem Schritt, nirgends orientirt, bald zu viel, bald zu wenig nach rechts und nach links ausweichend, unbestimmt immer, wenn schon mit dem trüglichen Schein einer verzweifelten Sicherheit, und räthselhaft Dem, der mit hellerem Auge die Fährte sieht, auf der ein so herrlicher Geist hin und her gezogen wird. – So klar und sicher Hamlet in sich selbst, in seiner eignen idealen Welt ist, von der ihm fremden Aussenwelt geht Verwirrung und seltsame Trübung in sein innerstes Wesen über. Je nach dem Maass des Eingriffs dieser Einwirkung auf sein Inneres, und, was gleich bedeutend ist, je nach dem Maass der Erregung, schwindet die innere Schönheit, und an ihre Stelle tritt eine räthselhafte Dunkelheit, die in ihrem Schooss oft Gutes und Schlimmes in wirrem Durcheinandertreiben birgt.

Wenn ein Eindruck von einiger Heftigkeit auf Hamlet's Gemüth wirkt, ohne dass er selbst schon in einer Erregung sich befindet, so ist er überraschend, öfter überwältigend für ihn. In einem Charakter, der reagirt, wird die erregte Empfindung in das knappe Maass des rechten Worts sich giessen, und wie das Wort, so wird die That der Empfindung adäquat sein. Anders bei Hamlet. Er fühlt sich erdrückt unter einer Erregung, er weicht ihr aus. Anstatt der besonnenen Kühnheit, die das Wort giebt, welches das Empfundene wie ein durchsichtiger Krystall in sich aufnimmt und nach aussen reflectirt, wählt er den für ihn leichteren Weg; in Sarkasmen und Räthselworten verbirgt er die Empfindung. Witz und Geist umspielen dann wie in Arabesken eine gerade Linie, die wohl darunter zu erkennen ist, die Linie des Schlichtvernünftigen. Ein Wort der beschriebenen Art spricht Hamlet zu dem ihm besuchenden Horatio. „Was ist Dein Geschäft in Helsingör?“ fragt er und, scheinbar abspringend, fügt er hinzu: „Wir lehren Dich tief trinken, eh' Du gehst“, um nicht mit Verdruss zu sagen: Was suchst Du hier, wo ausser rohem Schlemmen nichts zu finden ist. Bei seinem ersten Auftreten kleidet er das Misstrauen gegen seinen Oheim, den Kummer über seine Mutter in Aeusserungen desselben Charakters. Einzelne Beispiele sind nicht aufzuzählen, da die Reden Hamlet's überall damit durchwoben sind. Die Räthselworte, in denen er Polonius, der sich an den Lesenden heranwagt, um ihn auszuforschen, kritisirt, sind gleicher Natur. Ja, der ganze sogenannte Wahnsinn ist eine willkürliche und absichtliche Steigerung dieser Charakterschwäche und Geistesstärke. Einen wirklichen Wahnsinn, in

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