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wüchsen bewahrt, Die strenge Zucht und Sitte, welche unter König Max II. am Hote herrschte, gab auch der Bühne ein Gepräge bürgerlicher Ehrbarkeit, die Gemeines und Zweideutiges nicht aufkommen liess. Indess war der verewigte König kein eifriger Theaterbesucher; er gefiel sich mehr in traulichem Verkehr mit sympathischen Gelehrten und Poeten, und da ihn die herkömmlichen Aufführungen der klassischen Dramen selten befriedigten, so zog er es vor, sich die Hauptscenen aus seinen Lieblingsstücken im engsten Kreise vorlesen zu lassen, um das Schöne ohne störenden Beigeschmack zu geniessen. Wiederholt zwang ihn auch sein fast fortwährendes Kopfleiden, den Winter in einem milderen Klima zuzubringen; den Sommer und Herbst verlebte er ohnehin auf dem Lande und so war denn Sr. Majestät in den letzten Jahren seiner segensreichen Regierung ein anhaltender Theaterbesuch schon durch die Umstände unmöglich gemacht. Die bestehenden Mängel fühlte der feinsinnige Monarch wohl heraus; es wurden auch allerlei Einleitungen zu gründlichen Reformen getroffen, aber die Ausführungen erst durch die lange Abwesenbeit und dann durch den jähen Tod des Königs verhindert...

Nach der schweren Trauerzeit wandte sich des jetzt regierenden Königs Majestät dem Theater mit einer Begeisterung zu, die förmlich zündend sowohl auf die Schauspieler wie auf das Publikum wirkte. Dem jugendlichen Monarchen, der als Kronprinz ein sehr zurückgezogenes Leben geführt hatte, erschien die Welt der Bretter als eine Zauberwelt, die mit der ganzen Macht der Neuheit auf seinen schwungvollen Geist und sein noch völlig unverdorbenes Gemüth wirkte. Höchst erfreulich war es dabei, zu gewahren, dass dieser feurige, poetische Drang von vornherein eine durchaus ernste Richtung nahm und sich ausschliesslich dem Höchsten und Gewaltigsten zuwandte, was die dramatische Poesie des Alterthums und der Neuzeit zu bieten hat. Die Tragödien eines Sophokles, Shakespeare, Schiller, an deren Lektüre die Phantasie des Kronprinzen sich in der ländlichen Einsamkeit des Hochgebirges entzündet hatte, wollte der König nun mit jugendlichem Eiter in möglichst schneller Reihenfolge dargestellt sehen. Ein frischer, empfänglicher Geist, eine lebhafte Phantasie ergänzt leicht und gern selbstthätig das unvollkommen Gebotene, steigert aber zugleich das Verlangen nach dem Vollkommenen. So machten die Tragödien Shakespeare's und Schiller's auch in ihrer bühnenmässigen Verstümmelung auf den König einen grossen Eindruck, aber es erschien ihm als Versündigung an der Majestät des Genius, die herkömmlichen Theaterverstümmelungen bestehen zu lassen. Zuerst wurde mit Schiller'schen Dramen der Versuch

gemacht, dieselben ganz so zu geben, wie der Dichter sie geschrieben, wobei sich denn herausstellte, dass ein Don Carlos, ein Wilhelm Tell nahezu sechs Stunden spielte. Wie sich von selbst versteht, wurde über diese Neuerungen viel räsonnirt, und zwar von allen Seiten; man wollte sogar allgemein wissen, Schiller habe sich die vollständige Aufführung seiner grossen Dramen ausdrücklich ver-' beten in der und der Stelle seiner Abhandlungen über die Bühne; allein man ging doch in's Theater, voll Neugier zu sehen, wie ein solches Monstrum von Darstellung auf die Menge“ wirken werde. Und, seltsam! wer einmal ein Schiller’sches Drama in ganzer Länge gesehen hatte, verspürte ein unwiderstehliches Gelüsten den Versuch bei einem andern Schiller'schen Drama zu wiederholen, wobei sich denn Jedem die merkwürdige Erfahrung aufdrängte, dass das grosse Haus nie so gefüllt war und in den weiten Räumen nie eine so andächtige Ruhe herrschte, wie bei diesen langathmigen Vorstellungen, welche man nun auch wagen durfte auf Göthe’sche und Shakespeare'sche Dramen anzuwenden.

Man hatte früher behauptet, die klassischen Dramen wollten nicht mehr recht ziehen, das Publikum habe, verwöhnt durch die leichtere Waare unserer Zeit, den Geschmack daran verloren. Als stärkster Beweis für diese Behauptung wurde die Thatsache angeführt, dass sogar bei der festlichen Aufführung des König Lear, die am Abend der grossen Shakespeare-Feier vor ein paar Jahren stattfand, das Theater halb leer geblieben sei. Woher nun der plötzliche Umschwung? Die Frage ist leicht zu beantworten. In klassische Dramen gehen vorwiegend gebildete Leute, welche den Inhalt schon aus der Lektüre mehr oder weniger genau kennen. Diese wollen, wenn sie das Theater besuchen, einen grösseren Genuss haben als ihnen das blosse Lesen der Dichtung bietet. Finden sie sich aber in ihren Erwartungen getäuscht, wird ihnen die Dichtung nicht nur in unbegreiflicher Textverstümmelung, sondern auch noch in mangelhafter Darstellung vorgeführt, welche keine reine Wirkung aufkommen lässt, so ist's ihnen nicht zu verdenken wenn sie das Stück lieber lesen als sehen. Dies war, lange Jahre hindurch, der Fall hier in München. Gerade die eifrigsten Verehrer Shakespeare's besuchten seine Stücke am seltensten, wenn nicht irgend ein berühmter Gast besondere Anziehungskraft tibte. Ohne das persönliche Eingreifen des Königs wären die grossen Tragödien Shakespeare's ganz und gar von unserer Bühne verschwunden, unter dem unsinnigen Vorwande, dass das Publikum keinen Geschmack daran finde. Ja, sie waren schon so gut wie verschwunden, denu während acht Jahren

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wurde (abgesehen von einem kurzen Gastspiele des Dr. Grunert) keine mehr gegeben, und einige der vornehmsten, wie z. B. Richard III., konnten gar nicht gegeben werden, weil es an Darstellern der Hauptrollen durchaus fehlte. Diesem Mangel wurde zuerst einigermaassen abgeholfen durch das Engagement des Herrn Possart, eines jungen Schauspielers von viel Talent und ernstem Streben, der sich schnell die Gunst des Publikums als Franz Moor in den Räubern und Carlos in Clavigo gewann, worauf er der Rolle Richard's III. ein eingehendes Studium widmete und auch – trotz seiner für Darstellung von Helden wenig vortheilhaften Gestalt - so damit durchschlug, dass jede Wiederholung des Stücks ein zahlreiches und dankbares Publikum versammelte. Ein längeres Gastspiel des Fräulein Janauschek brachte neues Leben in unsere, hinter den Forderungen der Zeit vielfach zurückgebliebenen Bühnenzustände, und wirkte nicht blos erfrischend und anregend auf die Zuschauer, sondern auch auf die Mitspielenden, da Fräulein Janauschek, von ächt künstlerischem Streben beseelt es verschmähete als Virtuosin auf Kosten der Andern zu glänzen und vielmehr nach Kräften dazu beitrug ein wirksames Zusammenspiel herzustellen. Sie war auch die eigentliche Ursache, dass ich selbst zu der Bühne in ein näheres Verhältniss trat, indem sie mich in ihrem Feuereifer veranlasste, jede Rolle, vom leitenden Gedanken herab bis in die kleinsten Einzelheiten, mit ihr durchzugehen und sie auf Alles aufmerksam zu machen, was mir in ihrer Auffassung den Intentionen des Dichters nicht ganz zu entsprechen schien. Wo unsere Ansichten auseinandergingen, zeigte sie sich so frei von aller kleinlichen Künstlereitelkeit, dass sie selbst Rollen ersten Ranges, in welchen sie schon geglänzt hatte, wesentlich umgestaltete, wenn ich sie durch überzeugende Gründe zu meiner Auffassung bekehrte, wie z. B. die Rolle der Lady Macbeth, wovon später ausführlicher die Rede sein wird. Mir gefiel an der hochbegabten Künstlerin nicht blos ihr rastloses Streben nach Vervollkommnung, sondern auch die gute Art und Weise, in welcher sie über die Mitglieder unserer Bühne urtheilte. Kleine Geister, durch flüchtigen, oft mit klingender Münze erkauften Tagesruhm berauscht, geben sich gern einen Schein von Grösse durch herabwürdigende Beurtheilung ihrer Kunstgenossen; anders der wahre Künstler, welcher weiss, dass sein eigener Werth durch Anerkennung fremden Werthes nicht vermindert wird. Ist es doch auch ein besserer Ruhm, sich unter tüchtigen Menschen auszuzeichnen als unter untüchtigen.

Fräulein Janauschek und die strebsameren Mitglieder unseres

Hoftheaters kamen dem Verlangen des jugendlichen, kunstbegeisterten Monarchen, die klassischen Dramen genau so aufgeführt zu sehen, wie die Dichter sie geschrieben, mit Freuden entgegen, obgleich es grosse Schwierigkeiten dabei zu überwinden gab, denn verstümmelt memorirte Rollen schnell zu ergänzen und Einklang in das Ganze zu bringen, ist schwerer, als es Fernstehenden scheinen mag. Allein der Enthusiasmus von oben wirkte zündend nach allen Seiten hin, und es kamen so einige Vorstellungen zu Stande, die uns wirkliche Festabende bereiteten, wenn auch Manches zu wünschen übrig blieb, nicht blos in Einzelheiten, sondern vornehmlich in der stilvollen Durchführung des Ganzen, welche ohne strenge künstlerische Leitung nicht möglich ist. Dem Könige entging dies am allerwenigsten, denn ein frischer, unbefangener Geist, der sich einsam in die idealischen Gebilde der Dichtkunst eingelebt hat, ist, wenn sie ihm zum Erstenmale verkörpert entgegentreten, mehr geneigt den absoluten Maassstab anzulegen, als ein das Detail und die vorhandenen Mittel genau kennender Beurtheiler. So lehrt auch die Erfahrung, dass ein kunstverständiger Mann, welcher das Theater nur selten besucht, strenger urtheilt als ein täglicher Theaterbesucher, denn die Gewohnheit übt eine abstumpfende Wirkung und söhnt auf die Dauer oft selbst mit dem Unerträglichen aus. Darum hat auch die Kritik ihre volle Berechtigung, welche nicht den absoluten Maassstab anlegt, sondern nach den gegebenen Voraussetzungen urtheilt. Wenn z. B. ein tüchtiger Schauspieler gezwungen ist, Rollen zu übernehmen, welche seiner Natur und Begabung nicht zusagen, für welche aber der rechte Darsteller fehlt, so verdient er Lob nach Maassgabe seines Strebens, die unerfreuliche Aufgabe möglichst befriedigend zu lösen. Hingegen hat ein fremder, oder gelegentlicher Theaterbesucher, dem solche Rollen in der Erinnerung geblieben, wie er sie von besonders dafür begabten Darstellern gesehen, seinerseits vollkommen Recht, über das Surrogat die Achseln zu zucken, da man nicht Jedem zumuthen kann die geheimen Gründe zu erforschen, warum gerade auf der königlichen Hofbühne zu München die wichtigsten Fächer theils ganz unbesetzt, theils nur mangelhaft besetzt sind.

Im Herbst des vorigen Jahres (1865) wurde mir von Sr. Majestät der Auftrag, die Oberleitung bei den Aufführungen der sogenannten klassischen Dramen,' von Aeschylos bis Schiller, zu übernehmen, und nach besten Kräften dafür zu sorgen, dass die Dichtungen möglichst unverstümmelt und den Intentionen der Dichter gemäss dargestellt wurden. Die grossen Schwierigkeiten der Lösung einer solchen Aufgabe springen von selbst in die Augen; selbst unter den günstigsten Voraussetzungen und der eifrigsten Mitwirkung aller Betheiligten kann sie nur annähernd gelöst werden. Von diesen Voraussetzungen blieb hier manche zu wünschen übrig; doch wollte ich, in pflichtgemässer Erfüllung des königlichen Auftrags, der mir ganz und gar ohne mein Zuthun geworden war, wenigstens den ernsten Versuch machen, was sich unter den gegebenen Verhältnissen erreichen liesse. Ein halbes Jahr hat genügt mich zu überzeugen, dass sich unter allen Umständen durch ein ernstes, concentrirtes Streben sehr viel erreichen lässt und dass selbst meine schwachen Kräfte genügt haben würden die Münchener Hofbühne binnen wenigen Jahren zu einer Bühne ersten Ranges zu machen, wenn ich die Macht gehabt hätte die vorhandenen Missstände gründlich zu beseitigen, die störenden Gegenströmungen unschädlich zu machen, ein ordentliches Repertoire herzustellen und die Lücken des Personals auszufüllen. Alles das hätte geschehen können, ohne dass der Theaterkasse der geringste Nachtheil daraus erwachsen wäre: sie würde im Gegentheil bedeutend dadurch gewonnen haben, denn es ist ein Missbrauch des Wortes, zu sagen, man spare, wenn man die Ausgaben für das zur Erreichung des Berufszweckes Nothwendige scheut. So wenig ein Glaser spart, wenn er sich scheut den Diamanten zu kaufen, den er zum Schneiden des Glases nöthig hat oder ein Gelehrter die Bücher, die er täglich braucht, so wenig spart ein Theater, wenn es versäumt die zu seinen Zwecken nöthigen Kräfte zu gewinnen. Am wenigsten kann von solchen Spargründen bei der reichdotirten Münchener Hofbühne die Rede sein, wo allein die Ausgaben für Gäste während des Winterhalbjahrs genügt hätten ein halb Dutzend ständiger Mitglieder ersten Ranges für ein ganzes Jahr zu gewinnen. Diese vielen Gastspiele machten auch die Herstellung eines geordneten Repertoires unmöglich, da es den Gästen bequemer war die alten Rollen wieder vorzuführen als neue zu lernen. So geschah es, dass unsere Hofbühne in Novitäten hinter allen anderen mir bekannten Bühnen zurückblieb und ganz und gar die Pflicht verabsäumte, welche ein solches Institut bat, auch die Werke jüngerer Dichter von Belang aufzuführen. Unter etwa vierzig neuen Stücken, die mir während des Winters eingesandt wurden, fanden sich wenigstens vier, deren Aufführung jeder Hofbühne zur Ehre gereicht haben würde; aber trotz meiner warmen Befürwortung ging kein einziges davon über unsere Bretter. Ich erwähne dies nur, um mich gegen frühere Anklagen zu rechtfertigen und künftigen vorzubeugen, als ob ich die Schuld an diesen Unter

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