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dige Ausfüllung gerade dieser Rollen das Stück zu geben ist ein entschiedener Missgriff. Die übrigen Rollen waren grösstentheils in guten Händen. Frau Dahn-Hausmann spielte den Arthur vortrefflich; auch muss bemerkt werden, dass das Gemäuer, von welchem sich Arthur herunterstürzt, sehr geschickt arrangirt war. Herr Possart spielte den König Johann mit vollem Verständniss seiner Aufgabe. Für den Bastard ist Herr Dahn, dessen Auffassung nichts zu wünschen übrig liess, nicht mehr jung genug. Der parlamentirende Bürger auf den Mauern von Angers wurde von Herrn Christen vortrefflich gegeben. Herr Richter machte aus der verstümmelten Rolle des Pandulpho, was daraus zu machen war. Auch die Uebrigen spielten mehr oder minder gut. Kurz, an den Darstellern mit Ausnahme der obengenannten beiden Damen - lag es nicht, dass das Stück zu keiner rechten Wirkung gelangte.

Ueber die Shakespeare - Aufführungen

in Karlsruhe.

Von

Otto Devrient.

Es ist eine Freude, den glücklichen Erfolg eines segensreichen Unternehmens zu berichten.

Ein solches Unternehmen war die Aufführung unseres Shakespeare-Cyclus und von wünschenswerthestem Erfolge gekrönt. Im Theaterjahre 1864 bis 1865, d. h. in zehn Monaten, brachte unsere Bühne zwanzig verschiedene Stücke des britischen Meisters zur Aufführung; nämlich:

„Was Ihr wollt“, nach Schlegel;
„Othello", nach Voss;
„Kaufmann von Venedig“, nach Schlegel;
„Hamlet", nach Schlegel;
„Die Widerspänstige“, nach Deinhardstein;
,,Viel Lärmen um Nichts“, nach Baudissin;
Coriolan“, nach Dor. Tieck;
„Julius Caesar“, nach Schlegel;
,,Das Wintermärchen“, nach Dingelstedt;
„Der Sturm“, nach Schlegel;
„König Johann“, nach Schlegel;
Wie es Euch gefällt“, nach Schlegel;
„Der Sommernachtstraum“, nach Schlegel;
„Die Comödie der Irrungen“, nach Holtei;

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Romeo und Julia“, nach Schlegel;
„Richard II.“, nach Schlegel;
„Heinrich IV.“, Zusammenziehung beider Theile, nach

Schlegel;
Richard III.“, nach Schlegel;
„König Lear“, nach Voss;

„Macbeth", nach Schiller. Dazu kommen noch fünf Wiederholungen vom ,,Kaufmann von Venedig“, „Wie es Euch gefällt“ und „Romeo“, so dass der Cyclus fünf und zwanzig Abende einnahm.

Neu war in diesem Jahre nur: ,,Wie es Euch gefällt“, das auch im folgenden Jahre eine bemerkenswerthe Zugkraft behielt.

Eine chronologische Reihenfolge nach der Entstehung der Werke herzustellen, war um so unmöglicher, als ja in dieser Beziehung noch Alles bisher Muthmassung geblieben ist.

Dagegen wurde in den römischen und englischen Historien die chronologische Folge des Inhalts festgehalten; mit den übrigen Stücken nach dem Bedürfniss des Repertoirs in möglichster Abwechslung von ernster und heiterer Gattung verfahren.

Von welchem unendlichen Vortheil die Shakespeare'schen Stücke für das Bühnen-Repertoir sind, braucht hier nicht erst in Erinnerung gebracht zu werden.

Eine Kunstgenossenschaft, die Shakespeare bei sich heimisch gemacht, hat vor keiner schauspielerischen Schwierigkeit mehr zurückzuschrecken, denn sie hat in den Werken ihres grossen Kunstgenossen den Schlüssel gefunden, der das Verständniss und die Auffassung jeder Stelle erschliessen muss: das einfache Zurückführen auf die Natur.

Dieser Probstein jeder dramatischen Schöpfung wird bei Shakespeare allemal Gold aufweisen; und gleichwie seine auf Natur gegründeten Darstellungen niemals mit dem Schema der gewöhnlichen Bühnen-Routine abgefunden werden können, so wird umgekehrt dem geübten Shakespeare-Darsteller jede auf Bühnengewohnheit gestellte dramatische Schriftstellerei als schale, kunstlose Arbeit erscheinen.

Den gleichen Eindruck muss das Publikum theilen, und sein Geschmack muss mit der Zeit mit dem seiner Künstler Hand in Hand gehend, den Genuss des Trivialen verschmähen.

Es ist eine anerkannte Thatsache, dass Shakespeare, der Schauspieler, seinen Collegen und sich für ihre gemeinschaftliche Bühne seine jetzt so von allen Gebildeten angestaunten Werke ge

schrieben. Was liegt nun näher, als Gervinus' Satz: „Shakespeare's Werke sollten streng genommen durchaus nur durch Aufführung verständlich gemacht werden; und die Philosophie sollte von seiner Dichtung fern bleiben.“

Dennoch ist es unläugbar, dass im Ganzen von Seiten der Gelahrtheit bei weitem mehr in Shakespeare's Werken gesucht und gefunden und viel mehr mit diesen Kindern der Natur experimentirt wird, als von Seiten der Bühne.

Es liegt hierin vielleicht das grösste Lob des Dichters, da das schön Geborene auch unter der mäkelnden Sonde der Wissenschaft Stich hält und die Wissenschaft die Sondirung dieser schönen Geburten des Forschens würdig erachtet; es liegt aber gleichzeitig ein grosser Tadel für die Schauspielkunst in dieser Bemerkung. Wir erfüllen nur eine lang versäumte Pflicht, wenn unsere Bühne den Händen der gelehrten Herren endlich mit Dank ihr lang vernachlässigtes ureigenstes Eigenthum wieder abzunehmen sich bemüht.

Shakespeare schrieb für die Bühne. Die richtig verstandene Darstellung seiner Stücke wird ihn dem Publikum erst zum rechten Verständniss bringen.

Die literarischen Interessen müssen und werden sich von dem Kern der unmittelbaren Wiedergabe des Lebens lösen und des Dichters Plan wird wieder, wie unter seiner Mitwirkung, zur That werden.

In diesem Sinne wurden siebenzehn von den genannten Stücken vom Director Dr. Eduard Devrient für die Bühne bearbeitet.

Vor Allem stellten die Anforderungen der heutigen Bühne, des heutigen Publikums und der Richtung seiner Bildung wie seines Geschmacks andere Bedingungen als unter der Regierung Elisabeth's und Jacob's des Ersten. Wenn also die unmittelbare, lebenswarme und lebenswahre Darstellung die Aufgabe sein soll, so wäre es eine völlig missverstandene Pietät gegen den Dichter, ein ebenso konfuses, als unpraktisches Unternehmen, die nunmehr fortentwickelte Art der Darstellung in die alten Schranken vergangener Jahrhunderte zu fesseln. Und wenn Tieck und Baudissin so dringend darauf bestehen: Shakespeare's Dramen würden ihre volle schauspielerische Wirkung erst wieder gewinnen, wenn man sie vom modernen Coulissenkram befreie und auf der nachgebildeten altenglischen Bühne darstelle, so darf man dagegen nur das Urtheil der Zeitgenossen -- ja Shakespeare's eigenes anführen, die oft genug den unzulänglichen Bühnen- Apparat und die damit verbundenen allzugrossen Missstände bespötteln, beklagen oder zu entschuldigen ver

suchen. Das Tieck'sche Vorhaben gehörte zu den Experimenten, die kaum die Neugier des trockenen Forschers über die ersten Scenen hinaus befriedigen dürfte, und zu solchem Zwecke ist die Bühne nicht zu missbrauchen.

Eben so wenig aber schien es angethan, durch übertriebenen Decorations- und Costümpomp, durch Einfügung von Ballets und Aufzügen das Auge des Publikums derartig zu beschäftigen, dass das Obr seine Thätigkeit versäume. In dieser Ausartung sind seltsamer Weise just die Engländer am unbarmherzigsten mit ihrem grössten Dichter umgegangen, und wem das im Druck erschienene Theaterbuch der Kemble schen Aufführungen Shakespeare's in die Hände fällt, der wird sehen, wie z. B. Romeo und Julia, dessen ganzes Gewicht in der Süssheit der Rede, in den feinen psychologischen Vorgängen, in den springenden Launen der Liebenden u. s. w., kurz in der schauspielerischen Aufgabe beruht, zu einem blossen pomphaften Spektakelstück verwandelt wurde, bei dem man gelegentlich vergessen kann, was für ein Stück eigentlich auf dem Zettel zur Aufführung angekündigt worden war. Ebenso wird man bei Berichten über die heutige Londoner Aufführung des Kaufmann von Venedig inımer von der Seufzerbrücke, von dem bunten Treiben auf dem Rialto, von den landenden Gondeln und den lustigen Gruppen der Venetianer rühmen hören, und doch sind gerade die Scenen auf dem Markte, wo Shylock's Innerstes sich uns erschliessen soll, so empfindlicher Natur, dass die kleinste Zerstreuung der Aufmerksamkeit sie stören muss.

Um zwischen beiden Extremen die rechte Mitte zu finden, musste, wie Hamlet den Schauspielern sagt, das eigene künstlerische Zartgefühl der Meister des Dirigenten sein.“

Da eine der allerwesentlichsten Bedingungen für die Bühnenwirkung eines Drama's die richtige Gruppirung und Eintheilung des Stoffes ist, so galt das erste Augenmerk des Bearbeiters einer zweckmässigen Akteintheilung. Der anerkannten Norm der Dreitheiligkeit folgend, suchte er vor Allem Einleitung, Umschwung und Lösung festzustellen, die sodann von selbst die vermittelnden Glieder des zweiten und vierten Aktes im fünfaktigen Drama entstehen liessen.

Bei der sehr mangelhaften, schwankenden Redaktion der Shakespeare-Ausgaben liess sich in dieser Beziehung dem Originale selten folgen. Auch in der s. g. Schlegel-Tieck-Ausgabe sind sehr viele Akt - Eintheilungen für die dramatische Wirkung völlig unbrauchbar.

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