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worden – so gross sie immer ist - überschätzt, und deswegen, befangen in dem Wahn einer höheren Berechtigung, rücksichtslos sein Ziel verfolgt; wie ein ungeschickter Künstler das Material sorglos vergeudet, so greift er fehl im Vollzug seiner Rache ohne Kummer. Das Bewusstsein eines so hoch gesteckten Ziels entschuldigt in seinen Augen die begangenen Fehler. Doch diese Härte greift nur Platz im Drang und in der Noth eines unklaren Zustands; ist aber Hamlet's Gemüth an und für sich hart oder grausam zu nennen?

Keineswegs. Er liebt und ehrt seinen Vater; gegen die Mutter ist er liebevoll, so lange er das Verbrechen seines Oheims und ihre indirekte Mitschuld nicht kennt. Wie beugt er sich doch kindlich vor dem Wunsch der Mutter, nicht nach Wittenberg zu gehen, wohin es ihn verlangte. Dem Schmerz um ihren Fehl liegt wiederum die Liebe zu Grund. Rosenkrantz und Güldenstern, seine Schulgesellen, die ihn verrathen wollen, sucht er durch zutrauliche Offenheit an sich zu ziehen. „Bei unsrer Schulfreundschaft, der Eintracht unsrer Jugend beschwöre ich Euch, geht gerade heraus gegen mich.“ Horatio ist ihm zu eigen in fester, vertauensvoller Freundschaft. So ist er in dem Verhältniss zu Eltern und Freunden im Mittelpunkt des Rechten. Gegenüber Höheren ist er voll Anstand und Würde, und Niedere 'behandelt er gütig ohne Herablassung. Nur seine Beziehungen zu Ophelien sind verschieden beurtheilt worden, und regen zu näherer Betrachtung an. Hamlet liebt nicht rasch, nicht durch den Augenblick bestimmt. Fast möchte ich vermuthen, er könnte allmählig und unbewusst zur Liebe gekommen sein, indem Güte auf Güte folgend, dem Affect den Weg bahnte; er gewöhnte sich gleichsam zur Liebe. Jedenfalls ist ihm weit entfernt die Leidenschaft der Liebe, die kaum, dass sie berührt, das ganze Wesen um sich kreisen macht. Wer könnte Romeo's Namen aussprechen, ohne zu fühlen, dass Hamlet ihm Antipode ist. Sein Wesen ist der äusseren Welt abgewandt, ja wie mit einem Wall umhegt gegen ihren Einfluss, den er daher in aussergewöhnlichen Momenten in dem Maasse tyrannischer erdulden muss, als er sich ihm sonst entzieht. Einen Eindruck nimmt er nicht unmittelbar voll und offen auf, viel weniger, dass er in ihm aufginge; er stellt sich hinter denselben, macht eine Quintessenz daraus, und erwiedert denselben oft mit einer Abstraktion. Einem Manne von solcher Disposition ist es mehr gegeben, Wort und Wesen Vieler zu erkennen und zu wägen, als bei einer Person stehen zu bleiben, geschweige denn, dass er leicht vermöchte, den Rausch der Liebe von einem Gegenstand aus auf die ganze Welt zu übertragen, so dass

sie im erborgten Glanze wiederstrahlte. So fein und voll Hamlet die Aussenwelt in ihrer Wesenheit fühlt, so fühlt er sich selber doch nicht zu ihr gehörig, vielmehr über ihr als ihren Glossenmacher. Er folgt nicht ohne Reflexion dem Zug zu irgend einem Menschen, er wählt den Menschen aus, er prüft und beobachtet ihn. Kurz vor dem Tode seines Vaters hatte sich Hamlet Ophelien genähert; es war ein Verhältniss von kurzem Bestand. Die Liebe Ophelien's zu Hamlet hatte daher noch die Probe ihrer inneren Kraft zu bestehen. Sie hielt die Probe nicht aus. Ophelia wusste von dem Tod des Königs, Hamlet's Verdacht gegen den Oheim mochte sie nicht kennen, den Verdruss tiber die Mutter nicht hoch genug schätzen, aber die Gemüthsstimmung Hamlet's konnte ihr nicht entgangen sein. Dennoch entfernte sie sich auf Antrieb ihres Vaters von dem, den sie liebte, in dem Moment, in welchem sie ihm hätte näher treten sollen. Es ist in Hamlet's Natur begründet, dass er, der langsam und gleichsam dabei reflektirend liebt, sich Rechenschaft über Ophelien's Schwächen giebt und mit der Erkenntniss ihres Wesens sich von ihr wendet. Sobald das Ringen mit seiner Aufgabe begonnen, nimmt er Abschied von Ophelien, er überdenkt ihr Wesen, und reisst sich seufzend von ihr los. So erzählt sie: ,,Er hielt mich bei der Hand und hielt mich fest, dann lehnt' er sich zurück, so lang sein Arm, und mit dem andern so über'm Aug' beobachtet er so prüfend mein Gesicht, als wollt' er's zeichnen. Lange stand er so, zuletzt ein wenig schüttelnd meine Hand und dreimal hin und her den Kopf so wägend, holt' er solch einen bangen, tiefen Seufzer“ etc. Unmittelbar darauf schreibt Hamlet den wunderlichen Brief als Zeichen, dass vor ihr gleich wie vor den Andern sein Inneres verborgen bleiben werde. Diese Entfremdung spricht sich deutlich in den scharfen Worten aus, mit denen er Ophelien anfällt, als sie ihn in Gegenwart des Königs und ihres Vaters ausforscht. Ihnen liegt die Anklage der Eitelkeit und Flüchtigkeit zu Grund und der Vorwurf: Du auch hättest wie meine Mutter handeln können, - ein Vorwurf, der durch die Charakterähnlichkeit Ophelien’s und der Königin berechtigt scheint. So wie Ophelia, war vielleicht die Königin in ihrer Jugend, wie die Königin, so konnte Ophelia im Alter werden.

Wie fern Ophelien Hamlet seitdem steht, zeigt sich namentlich an ihrem Grabe. Sein Ausruf ist, als er erfährt, dass diejenige, die verscharrt werde, Ophelia sei: Wie, die schöne Ophelia ? und prahlend mit Worten stürzt er sich auf den Bruder, um dessen Klage und Anklage, die beide seine sittliche Eitelkeit mehr als sein Gewissen belästigen, durch seltsame Ueberbietungen abzustumpfen. Ich will nicht das Wort unterschreiben, Hamlet habe in der Eifersucht der Liebe Laertes angefallen; dem Bruder hätte der Geliebte den Antheil der Klage nicht gewehrt; wohl aber möchte ich sagen, Hamlet habe aus Eifersucht darüber, dass Laertes der Schwester in treuer Liebe anzuhängen vermochte, während er selbst kein Gefühl für sie mehr hatte, den Bruder Ophelien's beleidigt. Hätte Hamlet Ophelien geliebt, er wäre vernichtet bei ihrem Namen zusammengesunken; wie wenig bätte der klagende Bruder seinen Stolz verletzt, er hätte ihn nicht gesehen und wäre in Jammer um die Verlorene ausgebrochen. Doch um Ophelien selbst weder an ihrem Grabe noch nachher ein Wort der Klage. Seinem Gemüth lebte sie schon längst nicht mehr; die Härte, die er bei ibrem Tode zeigt, ist die des Idealisten, der, unbekümmert um das Leben, das ausser seinem Kreise liegt, seine pbantastischen Bahnen wandelt.

Doch wie verbielt sich Ophelia zu Hamlet? Liebte sie Hamlet? Um über sie zu urtheilen, suche ich sie zuerst in ihren gewöhnlichen Umgebungen und Verhältnissen auf. Von dem Grausen erregenden Auftritt, in dem Hamlet erfahren, dass seines Vaters Geist umgehe, führt Shakespeare den Leser in die Wohnung des Polonius zu einer Scene voll des feinsten Humors und köstlicher Ironie. Das Haus des Polonius ist vornehm, hoffähig; er selbst nimmt in der Gunst des Fürsten, die er als das Höchste erachtet, eine hohe Stelle ein, ebenso sein Sohn. Feine Sitte, d. h. die hergebrachte formelle Sitte, die nach dem „Es schickt sich geht, ist dort zu Hause. Laertes soll in Paris die Welt sehen und kennen lernen, und der Vater bat die gleiche Schule durchgeniacht. Zum Abschied auf die Reise plappert er seinem Sohn Maximen, die mit grosser Weisheit das tägliche Leben eines Edelmannes normiren, – sie mögen seiner Zeit auch ihm zugerufen worden sein, ohne Geschmack, ohne Sinn und Verstand hintereinander sammt seinem Segen her. Wie wohl weiss er von den halben Lasten und halben Tugenden zu erzählen, die der Bonton entschuldigt (Scene mit Reinhold). In diesem äusserlichen Wesen, bei welchem weniger das allgemeine Sittengesetz und das reine Gefühl als die anerkannte Standesmoral regiert, muss die Stelle des sittlichen Bewusstseins zum grossen Theil die Erziehung ersetzen. Komisch und durchaus charakteristisch ist daher die Scene, in der Laertes Ophelien, Ophelia den Laertes und endlich der Vater beide nach einander zur Tugend ermahnt, und endlich glaubt genöthigt zu sein, seinem Sohn einen Spion nachzusenden. Aus solcher Umgebung tritt uns Ophelia entgegen. Schön,

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Jabrbuch II.

grazios, lieblich, das sind die Beiworte, die aus dem Munde eines Jeden ihr zu Theil werden, weil sie ihre hervorstechendsten und bestimmtesten Eigenschaften ausmachen, die aber doch an sich viel Schein und Duft sind. Ihr ganzer Charakter ist so angelegt, dass er der Schönheit und Grazie nie Abbruch thut; vielmehr ist er so weich und nachgiebig, dass er eher der Lieblichkeit noch ein Plus hinzufügt. Ophelia ist folgsam und ehrerbietig gegenüber dem Vater, auf dessen Gebot sie Hamlet aufgiebt, obgleich sie nachher auch wiederum gewillt ist, Hamlet ihre Hand zu geben), mit einigem Leid, doch ohne darauf folgenden Kummer; sie ist unselbstständig, mit keiner Leidenschaft, wohl aber mit Sinnlichkeit (die keine Leidenschaft ist) ausgestattet. Jung, unbewusst, man weiss nicht, ob schwach, ob unentwickelt, wie sie sich zeigt, – obwohl die Welt sie eher zur Schwäche als zur Festigkeit gebildet haben dürfte, liegt ein zarter Hauch über ihrer ganzen Erscheinung. Die Liebe zu dem Vater, die sie bei seinem Tode dem Wahnsinn überliefert, giebt ihrem ganzen Wesen etwas Kindliches, Unschuldiges, das selbst auf die unbewusste, halbverborgene Sinnlichkeit einen Schein wirft, wie wenn sie weit weniger Fehler der Natur als Folge derselben sei. Geschaffen ganz zum Anlehnen und Hingeben an einen Stärkeren, ist sie befriedigt, den Willen des Andern ausgeführt zu haben, gleichviel, ob sie dadurch einen dritten verletzen wird, den sie nach freiem Antrieb nie gekränkt hätte. Ihre Zurückgezogenheit (sie sitzt nähend in ihrem Zimmer), der kleine Kreis, der ihre Welt ausmacht, Vater, Bruder und der Liebestraum mit Hamlet hat etwas Rührendes. Doch wie hätte ein solches Mädchen in die Launen und Kämpfe Hamlet's sich finden können. Sie war Hamlet zugethan, gewonnen durch seinen edlen Anstand, seinen Geist und sein Wissen, Eigenschaften, die in der hohen Stellung dreifach den Königssohn schmückten. Wie sehr sie aber Hamlet ohne Leidenschaft und Beständigkeit liebte, erweist der Wahnsinn, der ihre Seelenstimmung offenbart. Hamlet's Namen nennt sie in ihrer Geisteszerrüttung nicht, kein Anklang an ihre Liebe zu ihm ist in ihren Worten und folglich nicht in ihrem Herzen. Für eine Liebende hätte der Umstand, dass der Geliebte es ist, der den Vater ermordet hat, den höchsten Grad des Schmerzes gebildet; doch auch hiervon keine Erwähnung. Sobald Hamlet durch das Geschick erfasst wird, verschwindet Ophelia aus seinem Sinn, wie auch Ophelia im Unglück von Hamlet nichts weiss. In der Fabel des Saro Grammaticus bildet Ophelia ein rohes Intermezzo, ein Nebenbei in der Geschichte Hamlet's. In Shakespeare's

Wunderwerk schmückt und erklärt Ophelia den Gang der Handlung, aber sie greift weder in das Schicksal des Helden ein, noch steht sie in engerer Beziehung zu seinem Wesen. Beides, der Charakter des Helden und dessen Entwickelung, ist Hauptthema des Stücks, dem Ophelia so fern steht, als die Ophelia der Fabel dem Geschick des räthsellösenden Prinzen.

Der Charakter Ophelien's ist daher, der Anordnung des Stücks gemäss, passiv. Wie weit entfernt ist sie von der Festigkeit Desdemona's, die mit dem erwählten Gatten zieht, trotz des Fluchs des Vaters! Und doch ist Desdemona liebevoll und lieblich. Ophelia entbehrt der Kraft, den eisernen Ring des Gewöhnlichen durch innere Klarheit und Festigkeit zu durchbrechen, vielmehr lässt sie sich, ohne zu unterscheiden, leiten und bilden durch das Hergebrachte und Vorgeschriebene; vor dem Aussergewöhnlichen zieht sie sich scheu zurück. So, als Hamlet in der Haltung eines Tiefbetrübten nicht etwa eines Wahnsinnigen zu ihr in das Zimmer tritt und Abschied von ihr nimmt, die ihn zurückgewiesen, erschrickt sie und eilt zu dem Vater, um ihm das Erlebte mitzutheilen und sich an seinen Worten zu beruhigen. Ein selbstständigeres Interesse an dem Geliebten würde sie an diesen gewiesen haben.

Hamlet's ganzes Wesen ist entgegengesetzt der epischen Grossheit, welche Stärke des Charakters und königliches Beherrschen von Welt und Menschen voraussetzt. Das Tragische seines Schicksals besteht darin, dass er, der wie ein König reich begabte, fremd und irrend in der Aussenwelt steht. Einer also gebildeten Natur konnte der Dichter als Folie nicht Charaktere voll Leidenschaft zugesellen, sondern Menschen, die das Aussergewöhnliche des Helden durch sich selbst hervorheben, ---- gewöhnliche Menschen. Wem wäre nicht schon ein Polonius, eine Königin ohne Reue und ohne Gewissen, eine Ophelia im täglichen Leben begegnet! Es sind Charaktere, die kein Relief haben, weil keine Leidenschaft zum Guten oder Bösen sie hebt. Selbst den König möchte ich von dieser Charakteristik nicht ausnehmen. Wie wenig bat er doch die Leidenschaft des ungewöhnlichen Verbrechers, der aus Begierde, das Erstrebte zu erlangen, verführt durch Scheingründe und Phantasie, kein Verbrechen, sondern nur das zu Erstrebende als glänzendes Bild vor sich sieht, dann aber, nach der Erreichung seines Zweckes, des Besitzes nicht so sehr sich freut, dass nicht die Reue ihn verdürbe. Der König ist leidenschaftlos, klar, überblickend und sich bewusst. Das Verbrechen that er, weil der Besitz ihn lockte, doch mit der Erkenntniss des Vergehens, und nach der Erlangung

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