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des Throns und der Königin ist er sich des Verbrechens, sowie der Unkraft seiner Reue bewusst, einer Reue, die den Genuss des Erlangten nicht aufhebt. Ja, in einzelnen Momenten ist die Reue ihm so wenig präsent, dass er wähnt, durch den Besitz auch das Recht auf den Besitz zu haben. Mit welcher aufrichtigen Salbung und würdevollen Klugheit ermahnt er Hamlet, die Trauer um den verstorbenen König, seinen von ihm ermordeten Bruder, abzulegen. Umsicht im Thun, Klarheit überall, eine Art von Lebensweisheit, die aus beiden entspringt, sind ihm eigen. Die Anlage zum Guten --- er liebt sein Weib, ist glitig gegen seine Umgebung ist ibm nicht schlechthin abzusprechen; allein der Widerstand gegen das Böse ist gering, weil der innere Adel ihm fehlt, der den Abscheu vor dem Schlechten hervorruft. Dieser Mangel aber rückt ihn in die Reihe des Gewöhnlichen.

Doch nicht nur in den Personen hat Shakespeare Hamlet's Umgebung in den Farben und Schattirungen des alltäglichen Lebens geschildert. Eine Menge kleinerer Züge unterhalten und vermehren den Eindruck. Dabin möchte ich das bürgerlich ehrbare Eheverhältniss des Königspaars rechnen'). Dahin den Stil und die kleinlichen Rücksichten des Hoflebens, die leise angedeutet sind, die süsse Freundlichkeit der Königin gegen Alle, die kluge Milde des Königs gegenüber Polonius und Laertes. Es ist bezeichnend, dass, als der König Rosenkrantz und Güldenstern dankt für ihre bereite Hülfe mit den Worten: Dank, Rosenkrantz und lieber Güldenstern, die Königin das gentle, da es eine Bevorzugung des Einen bezeichnen konnte, nun auch zu dem Namen des Andern setzt, damit andeutend, dass beide gleich in Gunst stehen. In so regelrecht geordneten und ruhigen Verhältnissen hebt sich doppelt grell Hamlet's bizarres, unruhiges, schwankendes Wesen ab, das ihn seiner Umgebung gänzlich entfremden muss. In ihm liegt der eigentliche Kern seines tragischen Schicksals.

1) ? D. R.

Bemerkungen zu den Altersbestimmungen

für einige Stücke von Shakespeare

von

Hermann, Freiherrn von Friesen.

1. Comedy of Errors. Chalmers und Drake stimmen in der Meinung überein, dass das Stück im J. 1591 geschrieben sei. Darüber herrscht im Ganzen unter allen Commentatoren wenig Zweifel, dass diese Comödie eine der frühesten Dichtungen von Shakespeare sein müsse. Dagegen gehn die Meinungen über die Frage sehr auseinander, ob sie für eine Originalschöpfung Shakespeare's zu halten sei, oder ob sie nur für die Ueberarbeitung eines alten Stückes gelten dürfe. Für letztere Meinung sind besonders Ritson und nächst ihm Steevens. Auch P. Collier schliesst sich dieser Ansicht an und bezieht sich dabei auf ein Stück von ähnlichem Titel, das nachweislich weit früher gegeben worden sei, als Shakespeare Dramen verfasst haben könne. Allein das Stück ist nicht im Entferntesten bekannt, und überdies differirt mindestens der unter 1582/3 aufgeführte Titel von dem des jetzigen so sehr, dass man nur auf dem Wege der Conjektur, ibn für corrumpirt zu halten, eine Verwandtschaft unter beiden herausbringen kann.

Ritson's Gründe sind kaum stichhaltiger. Er beginnt damit, die Behauptung von Steevens zu bestreiten, dass nämlich Shakespeare das Stück einer Uebersetzung von den „Menaechmi des Plautus, die im J. 1595 unter der Chiffre W. W. (vielleicht William Warner) herausgekommen war, entlehnt habe. Denn in dieser sei die Benennung des einen Antipholus als Sereptus und des Andern als Errotis die doch in den ersten Akten der Folio vorkommen nicht zu finden. Offenbar liege in den langen hinkenden Versen (hobbling verses) Anlass genug, anzunehmen, dass Shakespeare nicht der Verfasser derselben sei. Man müsse vielmehr glauben, dass ein Anderer, der die Menächmen des Plautus im Original habe lesen können, vor Shakespeare das Stück abgefasst und dieser dasselbe nur umgearbeitet habe. Auch könne man das, was Shakespeare hinzugefügt habe, von den Ueberresten des älteren Originals eben so genau unterscheiden, als man in einem Gemälde, das von untergeordneter Hand entworfen und von Tizian verbessert worden wäre, die Meisterstriche des Letzteren aus denen des ursprünglichen Malers würde herausfinden können. -- Beides sind, genau betrachtet, nur schwache Behauptungen. Die Annahme von Shakespeare's Unfähigkeit, die Menächmen des Plautus im Original zu lesen, kann nur auf der nichts weniger als bewiesenen Ueberlieferung über seine mangelhafte wissenschaftliche Bildung beruhen. Hielte man aber auch die Vermuthung von Shakespeare's Unfähigkeit, ein Stück des Plautus in Original zu lesen, für völlig berechtigt, so würde noch immer nicht die Möglichkeit ausgeschlossen sein, dass ihm durch Vermittelung eines gelehrteren Freundes der ganze Inhalt des alten Stückes bekannt geworden sei und er darnach diese Comödie gebildet habe. Für diese Annahme könnte man sogar als Grund der Wahrscheinlichkeit anführen, dass, wie Ritson selbst angiebt, nicht ein Name, kein Wort und keine Zeile aus dem alten klassischen Stück entlehnt sein soll. Der Umstand, dass in der Folio dem Antipholus von Syrakus der Name Errotis und dem Antipholus von Ephesus der Name Sereptus beigelegt wird, könnte allerdings zu einigem Bedenken Anlass geben. Natürlich muss der Erste in Erraticus und der Letzte in Surreptus korrigirt werden. Diesen Namen führt in der That der Menaechmus von Epidamnus im Plautus. Jener kommt nicht vor. Doch ob wir damit genöthigt werden, durchaus eine ältere Bearbeitung dieses Stoffes anzunehmen, oder ob uns dieser einzelne Umstand nicht zu einem andern Resultat führt, wird später zu besprechen sein. Wollte man auf dem Wege der Vermuthungen in der, Ritson's Meinung entgegengesetzten, Richtung noch weiter geh, so kömte man darüber Zweifel aufstellen, ob die den Inhalt von dem übersetzten Stücke des Plautus angebenden Verse nicht neuer als die des gegenwärtigen Stückes und zwar nur durch dessen Popularität entstanden seien. Ganz ähnlich verhält es sich mit der alten Ballade von Lear und seinen Töchtern, sowie mit der englischen Uebertragung der Erzählung des Belleforest von Hamlet. Bei beiden ist die Frage nicht entschieden, ob sie Shakespeare's Quelle gewesen oder erst durch dessen Dichtung entstanden sind, und in Bezug auf die Hamletfabel werden sogar sehr bedeutende Gründe für die Wahrscheinlichkeit der letzten Meinung angeführt. Ob ferner Ritson's kritischer Scharf blick weit genug reiche, um die Züge, die nur von Shakespeare's Hand herrühren können, von denjenigen zu unterscheiden, die einer untergeordneten Feder angehören, möchte an sich selbst mehr als zweifelhaft sein, da, wie später zu besprechen sein wird, die wesentlichen Verschiedenheiten, die allerdings im Ausdruck der einzelnen Personen und im Versbau zu bemerken sind, aller Wahrscheinlichkeit nach, auf Rechnung eines Umstandes kommen, der gerade für die Aechtheit spricht. Das Endresultat dieser Betrachtungen ist die Gewissheit, dass die angeführten Gründe nicht im Mindesten ausreichend sind, um die Berechtigung einer Vermuthung zu begründen, welcher die gewichtigsten, imeren und äusseren Gründe der Wahrscheinlichkeit für die völlig entgegengesetzte Meinung gegenüber stebn. Es genügt hier nicht, sich nur auf das Zeugniss der mit Shakespeare befreundeten Herausgeber der alten Folio zu beziehn. Denn trotz des grossen Gewichtes, das deniselben beizumessen ist, hat man dennoch nicht Bedenken getragen, es völlig in den Wind zu schlagen, um die kühne und dennoch von Vielen (und selbst von Ritson mit Beifall begrüsste Behauptung aufzustellen und zu vertheidigen, dass der erste Theil von Heinrich VI. durchaus nicht von Shakespeare herrühre und die beiden anderen Theile nur Ueberarbeitungen fremder Stücke seien. Dagegen ist von unzweifelhafter Bedeutung, dass die ganze Behauptung von solchen Ueberarbeitungen, wie man sie in mehreren Stücken Shakespeare's bemerken will, in sich selbst an der grössten Unwahrscheinlichkeit leidet und überdies noch mit den, von denselben Kritikern gleichzeitig ausgesprochenen Meinungen über Shakespeare's mangelhafte Bildung wesentlich streitet. Dass es weit annehmlicher scheine, sich Shakespeare bei seiner grossen Begabung von dem unwiderstehlichen Drange nach selbstständigen Schöpfungen beseelt vorzustellen, als sich zu denken, dass er nur mit Flickarbeit beschäftigt gewesen sei, bat schon Tomlins richtig bemerkt. Gleichzeitig hat er darauf auf merksam gemacht, dass die dem jungen Shakespeare gemeinhin zugetrauten Umarbeitungen weit mehr die Aufgabe eines erfahrenen und geprüften Schriftstellers sei als die eines ungeübten Anfängers. Dem muss noch hinzugefügt werden, dass, wenn der junge Shake

speare in der That das wild aufgewachsene Genie gewesen wäre, für das ihn die Meisten ausgeben wollen, es völlig unbegreiflich sein würde, wo ihm die Kritik und Sicherheit des Urtheils hätte herkommen sollen, um das Gute vom Schlechten zu unterscheiden und jenes an die Stelle von diesem zu setzen. Noch bedeutender ist die Frage, wer sollte dem jungen, namenlosen Manne das genügende Vertrauen geschenkt haben, um ibm die Umarbeitungen alter und unschmackhaft gewordener Stücke zu übertragen, wenn derselbe von seiner Befähigung durch eigene Schöpfungen nicht schon Proben abgelegt hätte? Dass man diese Frage bei der Vertheidigung dieser Vermuthungen niemals scharf genug in's Auge gefasst hat, geht nicht allein aus der Aufstellung selbst hervor, sondern es leuchtet auch ein aus den wiederholten Berufungen auf die, namentlich von Henslowe, abgeschlossenen Handel wegen gemachter Bestellungen von Zusätzen und Umänderungen, allerdings aber an namhafte Schriftsteller, wie Marsten, Monday, Decker und selbst Ben Jonson. Man bedenkt dabei nicht, dass, wenn Shakespeare im Beginn der neunziger Jahre des sechzehnten Jahrhunderts, wo doch die Bürgerkriege schon existirt haben inüssen und jedenfalls auch dieses Stück schon vorhanden war, gar keinen Ruf als dramatischer Dichter gehabt hätte, eine solche an ihn gemachte Bestellung dem geldsüchtigen und jedenfalls sehr klugen Henslowe, sowie anderen Theaterunternehmern gar nicht in den Sinn hätte kommen können. Das soll und kann nicht geleugnet werden, dass Shakespeare in mehreren Stücken Stoffe behandelt, die unzweifelhaft von andern Autoren früher bearbeitet worden sind. In allen diesen Fällen ist aber nicht von einer blossen Ueberarbeitung, sondern von einer völlig neuen Schöpfung die Rede. Iu andern Fällen dagegen, wo ein älteres Stück nachgewiesen ist, das in einem Shakespeare'schen Draina nur überarbeitet worden zu sein scheint, ist die Frage, ob jene Vorarbeit nicht von Shakespeare selbst herrühre, mindestens zweifelhaft, wenn nicht, wie bei den Bürgerkriegen, ein unbefangenes Urtheil Shakespeare für den Verfasser der Vorarbeit ansprechen muss. Dazu kommt, dass, mit Ausnahme der hier kaum in Betracht kommenden Bürgerkriege, keine der Bearbeitungen der Stoffe älterer Stücke in Shakespeare's früheste Zeit fällt. Zu diesen, in der Sache selbst liegenden, Gründen, könnte noch Malone's bestimmt ausgesprochene Meinung, dass dieses Stück eine Originalarbeit sei, angeführt werden. Doch ziehe ich es deshalb vor, von diesem Zeugniss abzusehn, weil dagegen leicht der doppelte Einwurf erhoben werden könnte, dass, wenu Malone's genau motivirtes Zeugniss gegen

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