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Zur Shakespeare - Literatur.

1. Shakespeare - Studien von Gustav Rümelin. Stuttgart.

J. G. Cotta. 1866. Wir haben für den zweiten Band unseres Jahrbuchs nicht blos die Unvollständigkeit der dramaturgischen Berichte, sondern auch das Ausbleiben aller zugesagten eingehenderen Besprechungen der hervorragenden neueren Erscheinungen auf dem Gebiete der Shakespeare - Literatur, zu beklagen. Diese Unterlassungssünden sind allerdings wesentlich auf die Kriegsstörungen des vorigen Jahres zurückzuführen; allein es haben, wie ich in Erfahrung gebracht, noch andere Ursachen dabei mitgewirkt. Es liess sich nicht wohl ein eingehendes Urtheil über ein neues unser Gebiet berührendes Buch von Belang schreiben, ohne die so viel Aufsehen machenden „Shakespeare - Studien von Gustav Rümelin“ in Betracht zu ziehen. Nun ist aber mit ein paar wegwerfenden oder abweisenden Worten nichts gethan einer Schrift gegenüber, die sich schnell ein grosses Publikum erobert und viele Köpfe völlig verwirrt hat; es wurde deshalb eine gründliche Widerlegung Rümelin's schon zu Anfang vorigen Jahres von Michael Bernays übernommen, wovon ich selbstverständlich die übrigen Mitarbeiter in Kenntniss setzen musste. Diese, d. h. diejenigen, welche über andere Bücher zu berichten versprochen hatten, wollten den Aufsatz von Bernays abwarten, um darauf Bezug nehmen zu können. Der Aufsatz liess von einem Monate zum andern auf sich warten; Bernays wurde längere Zeit davon abgezogen durch seine kritischen Arbeiten zur Herstellung

Goethe'schen Textes, und als er endlich wieder an seinen Anti - Rümelin ging, stellte sich bald heraus, dass er kaum bis Ostern damit fertig werden würde. So lange konnte ich nicht mehr warten. Ich wurde vom Vorstande gedrängt, das Jahrbuch abzuschliessen, welches eigentlich schon zu Weihnachten erscheinen sollte und jetzt ohnehin keinen genügenden Raum mehr für den mindestens auf acht Bogen berechneten Aufsatz von Bernays hatte. Dieser wird nun als ein besonderes Buch erscheinen und sicher ein würdiges Seitenstück zu seiner Kritik Rio's bilden.

Meine Absicht, die solchergestalt dem Jahrbuch geschlagene Lücke selbst nach Kräften auszufüllen, wurde durch eine Krankheit vereitelt, die mir längere Zeit alles Arbeiten unmöglich machte und jetzt noch sehr erschwert. Doch will ich wenigstens die letzten paar Abendstunden, die mir noch bis zum Abschluss des Jahrbuchs bleiben, dazu verwenden, einen kritischen Blick auf einige der Bücher zu werfen, welchen in diesen Blättern eine eingehendere Besprechung zugedacht war. Wenn ich hier das Rümelin'sche Buch obenan stelle, so geschieht das nicht, weil ich es für das werthvollste halte, sondern weil es von der Mehrzahl der Kritiker dafür gehalten wird und jedenfalls weitaus das grösste Aufsehen gemacht hat. Schon als die erst später zu einem Buche verbundenen einzelnen Aufsätze vor einigen Jahren anonym im Cotta’schen „Morgenblatt“ unter dem Titel ,,Shakespeare-Studien eines Realisten“ erschienen, sprach man davon, als sei in dem Verfasser ein zweiter Lessing, ein neuer kritischer Messias erstanden, der mit seiner Worfschaufel gekommen um die ästhetische Spreu von dem poetischen Korne zu sondern und uns zum Erstenmale den britischen Dichterkönig in seiner wahren Gestalt zu zeigen, unverhüllt durch den phantastischen Nebel der Zeiten. Als ich nun die Aufsätze selbst zur Hand nahm

was erst geschah nachdem der ganze Cyclus gedruckt war --- fand ich zwar nicht was ich erwartet hatte, las aber trotzdem das Ganze an Einem Abend durch. Diese Thatsache spricht jedenfalls für die spannende, lebendige Darstellungsweise des Verfassers, denn man liest eine so lange Reihe von Aufsätzen nicht bis in die Nacht hinein, ohne durch die Lektüre angeregt und gefesselt zu werden. In der That sind die Rümelin'schen Abhandlungen so frisch, munter und keck aus der Feder gesprungen, wie nur irgend ein Roman von Dumas. So schreibt nur, wer seinen Stoff ganz beherrscht, mit künstlerischer Freiheit darüber steht, oder – ihn nur ganz oberflächlich kennt. Ich fürchte, dass bei Herrn Rümelin das letztere der Fall ist.

Anfangs stieg so etwas wie ein Verdacht in mir auf, der geist

reiche Verfasser habe die Absicht gehabt eine Satire zu schreiben und dabei seine Shakespeare-Studien mit weitausgreifender poetischer Licenz zu verwerthen; allein je weiter ich las, destomehr überzeugte ich mich, dass es ihm vollkommener Ernst sei mit seinen Paradoxen und dass er wirklich glaube, einen neuen, und zwar den kürzesten Weg zum richtigen Verständniss Shakespeare's gefunden zu haben. Ich konnte mir auch ganz gut vorstellen, dass er auf seinem äusserst bequemen Wege viele Nachfolger gefunden haben müsse und finden werde, denn wer sollte in dieser dampfeiligen Zeit nicht wünschen, binnen wenigen Wochen ein Ziel zu erreichen, dem er sonst vielleicht Jabre lang vergebens nachgestrebt hätte! Wie gering ist die Zahl Derer, die Musse und besondere Veranlassung gehabt haben, das Wenige was man über Shakespeare's Lebensgang, die Art und Weise seines poetischen Schaffens, seine Stellung zur bürgerlichen Gesellschaft, seinen Charakter, seine Bildung und seine Beziehungen zu den hervorragenden Zeitgenossen mit Sicherheit ermitteln kann, aus den Quellen zu erforschen! Es fehlt uns in Deutschland zwar nicht an tüchtigen Werken, die aus solchen Forschungen hervorgegangen sind, und fast jedes Jahr mehrt ihre Zahl, allein die Arbeiten eines Ulrici, Gervinus, Kreyssig u. A. fordern von Denen, die sich gründlich daraus unterrichten wollen, eine gewisse geistige Anstrengung, welche nicht Jedermanns Sache ist. Und in der That muss Rümelin's Schrift auf alle Leser, welche Voltaire's Auslassungen über Shakespeare nicht kennen, mit dem vollen Reize der Neuheit wirken, der noch erhöht wird durch die Kühnheit und schlagfertige Durchführung der aufgestellten Behauptungen. Die Prämissen sind so handgreiflich klar und biedermän. nisch solide, dass sich alles Folgende mit Nothwendigkeit von selbst daraus ergiebt und an Trugschlüsse gar nicht gedacht werden kann. Wer also die Prämissen als richtig hinnimmt, dem muss auch das Uebrige als richtig einleuchten. Nun sind aber die Rümelin'schen Prämissen nachweisbar alle unrichtig, und somit müssen auch die daraus gezogenen Schlüsse als Trugschlüsse bezeichnet werden. Er kämpft gegen die Philosophen als Sophist, und zwar mit demselben Beifall der Menge, wie weiland seine atheniensischen Vorgänger. Dass er dabei manchen treffenden Hieb führt, soll nicht geläugnet werden. Es ist nicht meine Aufgabe, die Einseitigkeit und Ueberschwänglichkeit, von welcher man die Shakespearekritik der Hegelschen Schule nicht freisprechen kann, zu vertheidigen: das mögen die Vertreter jener Schule selbst thun; ich habe hier nur den Beweis zu führen, dass der Rümelin'sche Neubau auf Sand gebaut ist. Der Realist beginnt mit einem Kapitel über die Stellung der englischen Bühne zu Shakespeare's Zeit.“ Er belehrt uns, dass diese Bühne durchaus keine volksthümliche oder nationale Bedeutung gehabt habe, wie etwa die der Griechen, Spanier oder Franzosen, und um dies zu beweisen, giebt er das folgende Bild der inneren Einrichtung eines der vornehmsten der Londoner Theater, des Globus, in welchem die Truppe, der Shakespeare angehörte, in den Sommermonaten spielte:

,,Man unterschied vier Zuschauerplätze. Der erste und vornehmste war auf der Bühne selbst und in den Coulissen. Hier sassen und lagen die Gönner der Bühne, jene jungen Männer des Adels und der Gentry, die Stutzer und Lions der Hauptstadt, für welche der Theaterbesuch damals zu den noblen Passionen gehörte. Hier waren die jungen aristokratischen Freunde unseres Dichters, die Grafen Southampton, Pembroke, Rutland etc. zu treffen. In dem grossen, unbedeckten Hofraume, dem Parterre, waren in den vordersten Reihen die Iubaber von Freibilleten, die Fachgenossen, unbeschäftigte Schauspieler, Theaterdichter, Kritiker u. S. W.; hinter ihnen die aus den untern Volksklassen, den niedern Handwerkern, Gesellen und Lehrlingen, den Bootsleuten, Arbeitern auf den Werften und in den Fabriken bestehende Hauptmasse der Zuhörerschaft. Auf der ersten Gallerie nabmen die vordersten Plätze die Maitressen , der Vornehmen und andere käufliche Schönheiten ein, für welche

das Theater als günstige Gelegenheit der Werbung galt, wie denn in der Nähe der Bühnen zur grossen Beschwerde der Umwohner häufig Frauenhäuser entstanden. Hinter diesen (hinter den Frauenhäusern ?) sassen solche, die der Versuchung des Theaterbesuchs nicht widerstehen konnten und doch nicht im Theater gesehen werden wollten. Bürgerfrauen konnten nur diese Plätze besuchen, zeigten sich aber auch hier gewöhnlich nur mit Masken vor dem Gesicht. Auf der zweiten Gallerie, dem letzten und wohlfeilsten Platz, war das niedrigste Publikum, Matrosen, Bediente, Soldaten, Dirnen, zu suchen."

„Man sieht hieraus wohl, für achtbare Männer und anständige Frauen war nicht einmal ein Platz vorgesehen.“

Bis hieher hab' ich Herrn Rümelin selbst reden lassen; seine Schilderung ist deutlich und nicht misszuverstehen; er spricht mit einer Bestimmtheit, als ob er selbst einen Freiplatz unter den Kritikern und Sachverständigen des Globus gehabt hätte. Verwundert fragt man sich: das also war der Schauplatz auf welchem Shake

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Jahrbuch. 11.

speare ,,der Tugend ihre eigenen Züge, der Schmach ihr eigenes Bild, und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck seiner Gestalt zeigte? Dieser Art war das Publikum, dem der Dichter die reinen, holdseligen Gestalten einer Imogen, Julia, Desdemona, Portia vorführte ? Man weiss, dass Shakespeare keines seiner Dramen selbst drucken liess, dass er nur für die Bühne schrieb, deren Erträgnisse ihn zu einem reichen Manne machten, und es liegt wohl nabe, unter solchen Umständen auf eine gewisse Wechselwirkung zwischen dem Dichter und seinem Publikum zu schliessen, von dessen Beifall der Erfolg seiner Dramen wie sein materielles Wohlergehen abhing. Für ein Publikum, wie Herr Rümelines schildert, hätten Offenbach'sche Operetten, Gallmeyerischer Cancan, Dumas'sche Cameliendamen und alle die frivolen Stücke, welche heute nicht nur die meisten Vorstadtbühnen, sondern auch hochgestellte Hoftheater tiberschwemmen, besser gepasst als ein Hamlet, Macbeth, Othello, König Lear, Caesar u. s. w., und es muss Verwunderung erregen, wie Theaterbesucher, unter welchen „für achtbare Männer und anständige Frauen nicht einmal ein Platz vorgesehen war“ an so strengen, erhabenen Schöpfungen der tragischen Muse Geschmack finden und sich begeistern konnten. Das muss eine wunderbare Art von Maitressen, Dirnen, Bootsleuten, Matrosen und Soldaten gewesen sein, die an einem Dichter sich erbauten, dem die strengsten Moralisten nachgerühmt haben, dass er in seinen Charakterzeichnungen alle Tiefen und Höhen des Lebens erschöpft habe, ohne auch nur ein einziges schlüpfriges, zweideutiges Frauenbild zu zeichnen.*) Man könnte in Versuchung kommen, jene Maitressen, Dirnen, Matrosen u. s. w. höher zu stellen als „die achtbaren Männer und anständigen Frauen, welche sich in unserer Zeit an dem deutschen Abklatsch der frivolen französischen Dramen begeistern. Dem Herrn Rümelin selbst scheinen beim Niederschreiben seiner gewagten Sätze einige Bedenken aufgestiegen zu sein, denn er kommt später noch einmal auf die Sache zurück und widmet der Beantwortung der darüberstehenden Frage: „Für wen dichtete Shakespeare?“ ein besonderes Kapitel, aus welchem wir jedoch nicht mehr erfahren als wir nach dem früher Gesagten schon wussten, nämlich, dass der Dichter für seine Theaterbesucher schrieb, und dass diese sammt und sonders aus vornehmem und gemeinem Gesindel bestanden. Für die jungen emanicipirten Edelleute, welche

*) Man wird verstehen, was hier gemeint ist, und weder eine Kleopatra noch eine Mrs. Quickly zu den zweideutigen Charakteren zählen.

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