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derben führt, wenn es in selbststichtige, parteiische Willkürherrschaft ausartet; - dass eine edle, hochgemuthete, wahrhaft heroische Aristokratie nothwendig in sich selbst zusammenbricht, weil mit sich selbst in Widerspruch geräth, wenn sie das Volk, statt es zu heben, um seiner unaristokratischen Sinnesart willen verachtet und mit Füssen tritt; - dass die republikanische Freiheit, die republikanische Staatsform überhaupt, unaufhaltsam sich selbst auflöst, wenn die republikanische Tugend, der republikanische Gemeingeist zu schwinden beginnt. Kurz, aus ihm können wir lernen, dass alle Freiheit, alle Macht und Grösse der Völker genau an dieselbe Bedingung geknüpft ist, an der alle Sittlichkeit hängt: an die Selbsterkenntniss, die Selbstbeherrschung und Selbsthingebung, die Grundlage alles wahren Patriotismus, die conditio sine qua non aller grossen Thaten.

Das Studium Shakespeare's also wird sicherlich nicht der Lösung jener gewichtigen Aufgaben der Zeit Eintrag thun. Aber die Förderung von Kunst und Poesie, die wir aus diesem Studium erwarten, die wir mit unsrer Vereinsthätigkeit erstreben!? Verfallen wir damit nicht dem Vorwurf der patriotischen Praktiker, die da meinen, dass alle Thätigkeit nur in politischer Action und Agitation aufgehen müsse? --- Fürchten Sie nicht, meine Herren, dass ich Sie mit einer Erörterung des Verhältnisses von Theorie und Praxis laugweilen werde. Es bedarf dessen nicht. Denn zunächst ist es eine ausgemachte Wahrheit, dass es für jeden Zweck verschiedene Mittel seiner Verwirklichung giebt, und dass alle Mittel angestrengt werden müssen, um ein grosses Ziel zu erreichen. Sodann aber, meine ich, handelt es sich hier gar nicht um den Gegensatz von Theorie und Praxis; wir wollen gar kein Theoretisiren und Speculiren, kein Poetisiren und Phantasiren. Die Thätigkeit des ächten Dichters gilt oder gehört vielmehr ebenfalls dem praktischen Leben. Obwohl er weder neue Düng- oder Färbestoffe erfindet noch Eisenbahnen und Telegraphenlinien baut, weder Kammermitglied noch Minister noch auch nur Theaterintendant zu sein begehrt, wenn er es auch unterweilen sein muss,

so schwebt er doch darum keineswegs jenseits des praktischen Lebens in den überirdischen Regionen der Nebelbilder und des blauen Dunstes. „Der Zweck des Dramas,“ sagt Shakespeare, „war und ist, der Natur gleichsam den Spiegel vorzuhalten, der Tugend ihre eignen Züge, der Schmach ihr eignes Bild und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen.“ Nicht also Nebelbilder und blauen Dunst, nicht Kindermärchen und Spukgeschichten, nicht

bloss zarte Gefühle und geistreiche Reflexionen, will der ächte, der grosse, der dramatische Dichter dem Volke zum Besten geben, sondern durch und durch praktisch will er den Menschen, das Zeitalter, die Nation zu jener Selbsterkenntniss anleiten, die wiederum ihrerseits die Bedingung aller Selbstbeherrschung und damit aller Freiheit, Macht und Grösse ist. Und die Selbsterkenntniss besteht nicht bloss darin, dass der Mensch erkennt was er ist, sondern dass er auch erkennt was er sein soll, was das Ziel seines Thuns und Strebens ist. Daher die ethische Tendenz aller ächten Kunst und Poesie, die Shakespeare so geflissentlich hervorhebt; - nur dass seine Ethik nicht die kleinliche, casuistische Moral des Schulmeisters und Sittenpredigers ist, sondern die ethische Anschauung des grossen Historikers, der die Geschicke der Völker, den Bildungsgang der Menschheit überblickt. Der ächte Dichter, in Shakespeare's Geist und Sinn, der solche Ethik lehrt, lehrt eben damit auch das Volk zu wollen und zu handeln. Denn der Wille, der nicht auf Selbsterkenntniss und Selbstbeherrschung ruht, ist kein Wille, sondern ein blosses Gelüste, ein blinder Trieb, - sein Wirken keine That, sondern eine blosse Begebenheit. Der ächte Dichter wirkt daher mächtig mit zu jedem grossen Aufschwunge seines Volkes. Und ich meine, dass Göthe und insbesondre Schiller mehr für die Erhebung des deutschen Volkes aus fremden Geistesfesseln, mehr für die Befreiung desselben aus fremder Knechtschaft, mehr für die Kräftigung des Freiheitssinnes und des patriotischen Gemeingeistes gethan haben, als alle Praktiker und Politiker jener Zeit zusammengenommen. Solche Dichter, Dichter im Shakespeare'schen Geiste und Sinne, dem deutschen Volke zu erwecken suchen, ist daher, denke ich, ein wahrhaft patriotisches Beginnen, ein Unternehmen, das sich würdig an die grossen Ziele unsrer edelsten Fürsten, Staatsmänner und Volksführer anschliesst.

Aber, hat man von einem andern, wiederum verwandten Standpunkte -- ich möchte ihn den individualistischen oder subjectivistischen nennen -- eingewendet: so anerkennenswerth immerhin die Bestrebungen der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft sein mögen, das Beste und Bedeutendste, das sie bezweckt, lässt sich nicht durch Vereinsthätigkeit, durch gesellschaftliches Zusammenwirken ausführen, sondern fällt dem Talente und der Thätigkeit des Einzelnen anheim und wird besser ausgeführt werden, wenn es der Einzelne, unbeirrt und unbeeinflusst von Andern, auf seine Weise beginnt und vollendet. – Wir antworten: wir wissen sehr wohl, dass alles Grosse und Schöne von einzelnen begabten

Geistern ausgegangen, wenn auch nicht immer ausgeführt ist. Wir wissen ebenso wohl, dass das Talent sich nicht commandiren, die freie Geistesthätigkeit sich nicht gängeln lässt. Wir wissen aber auch, dass das Talent der Anregung bedarf, und dass es nicht selten um die Mittel verlegen ist, seine Ideen zur Ausführung, seine Werke an den Mann, resp. an den Verleger zu bringen. Wir wollen daher unsre werkthätigen Mitglieder keineswegs beeinflussen, beirren; wir laden im Gegentheil alle ein, alle ohne Ausnahme, die den dargelegten Zweck unsrer Vereinigung billigen, welcher besondern Richtung sie auch angehören, welcher besondern Ansicht von Shakespeare, vom Drama, von der Poesie sie auch huldigen mögen, wir laden sie alle ein, den Realisten wie den Idealisten, den Theoretiker wie den Praktiker, denjenigen, der Göthe oder Schiller für grösser als Shakespeare, wie denjenigen, der Shakespeare für grösser als jene hält. Wir wollen die Strebsamkeit, die Tendenzen der verschiedenen Geister nur gleichsam in Energię umsetzen, das Gold nur ausprägen helfen, die Ausführung ihrer Pläne ihnen, so weit als möglich, nur erleichtern. Darauf hin ist unsre ganze Thätigkeit von Anfang an ausgegangen. Darum haben wir gemeint, zunächst ein Jahrbuch gründen zu sollen, das den verschiedenartigen historischen, philologischen, ästhetischen Bemühungen um Shakespeare und die Shakespeare - Literatur gleichsam als Sammel- und Tummelplatz, unter Umständen auch als Kampfplatz diene, das Rechenschaft gebe über das Geleistete, das hinweise auf das noch zu Leistende, und das vor Allem den lebendigen Zusammenhang vermittele zwischen der Shakespeare'schen Dichtung und den dichterischen Bestrebungen der Gegenwart. – Darum sind wir 2) darauf bedacht, eine Shakespeare-Bibliothek zu stiften, welche, ausgestattet mit allen für das Studium Shakespeare's wichtigen Werken, jedem Mitgliede unsrer Gesellschaft zum freien Gebrauch offen stehend, das Handwerkszeug bereit halte, dessen die verschiedenartigen Bemühungen um Shakespeare und die Shakespeare-Literatur nicht entrathen können, wenn sie zur That werden wollen. - Darum sind wir 3) bestrebt, eine neue Uebersetzung Shakespeare's in's Leben zu rufen, welche in dem oben angedeuteten Geiste gearbeitet, den Anforderungen der heutigen Bühne und damit, wie wir glauben, des deutschen Volkes gerecht werde. Bei der Verwirklichung dieses Strebens würde dann auch meines Erachtens ein gesellschaftliches Zusammenwirken im engern Sinne des Worts am Platze sein. Die Aufgabe einer guten, mustergültigen Uebersetzung der 36 Dramen Shakespeare's, der die lyrischen Dichtungen sich an

u. S. W.

schliessen müssten, ist an und für sich schon zu gross für die Geisteskraft und die Lebensdauer Eines Mannes. Abgesehen von

allen anderweitigen Anforderungen würde daher schon der Umfang der Aufgabe eine Theilung der Arbeit nothwendig machen. Auch ist bekanntlich nicht jeder Dichter in gleichem Maasse, wie Shakespeare, zur Tragödie wie zur Komödie befähigt, und dasselbe wird vom Nach-Dichter, vom Uebersetzer, anzunehmen sein; -- auch aus diesem Grunde also dürfte eine Theilung der Arbeit zweckmässig erscheinen. Ausserdem wird Jeder, der einmal ernstlich mit der Uebersetzung eines fremden Autors sich beschäftigt hat, oft genug von dem dringenden Wunsch ergriffen worden sein, einen Berather, einen Revisor zur Seite zu haben, der ihm gelegentlich einen passenderen Ausdruck, eine geschicktere Wendung soufflire, ihn hier auf eine Härte, dort auf eine Ungenauigkeit aufmerksam mache

Um wie viel mehr wird der Wunsch einer solchen Beihülfe, ja die Unentbehrlichkeit solcher Revisoren und Berather sich geltend machen, wenn es sich darum handelt, Shakespeare nicht bloss mustergültig zu übersetzen, sondern zugleich jenen Anforderungen Genüge zu thun! - So schwierig es sein mag, dies Ziel zu erreichen, ja só hoffnungslos das ganze Unternehmen Manchem erscheinen mag,

- jedenfalls kann es nur gelingen, nur begonnen werden, wenn es gelingt, eine Anzahl von Männern, und zwar Männer von verschiedener Begabung, Dichter und Uebersetzer, Kritiker und Aesthetiker, Theaterdirectoren und Regisseure, zu vereinigen, welche nicht nur der Aufgabe gewachsen sind, sondern auch in opferfreudigem Muthe an die gemeinsame Lösung derselben gehen. Es ist, denke ich, jedenfalls eine würdige Aufgabe, welche die Shakespeare-Gesellschaft sich gestellt hat, eine solche Vereinigung zu Stande zu bringen, gesetzt auch, dass ihre Bemühungen resultatlos bleiben sollten: in magnis voluisse sat est.

Endlich giebt es noch einen vierten, zwar weit abliegenden, aber doch zu beachtenden Standpunkt, von dem aus die ShakespeareGesellschaft, wenn auch nicht laut, doch im Stillen angefeindet wird. Glücklicher Weise ist er so niedrig, so eng und klein, dass nicht gar viele und nur kleine Geister darauf Platz haben. Ich möchte ihn den neidischen Standpunkt nennen. Nicht als ob die Leistungen der Shakespeare-Gesellschaft bereits Neid erweckt hätten,

solchen Neid werden wir gern ertragen, ja mit aller Kraft zu wecken streben; - aber bei ihrer ersten Gründung hatte sie noch nichts, und auch jetzt hat sie leider noch nicht viel geleistet. Nein, nicht gegen die Shakespeare-Gesellschaft als solche, sondern gegen Weimar ist der Veid und die Scheelsucht gerichtet. Dass unser Verein von Weimar ausgegangen, dass er in Weimar seinen Sitz hat, dass ihn das hohe Weimarsche Fürstenhaus unter seinen Schutz genommen, und dass also, was er auch immer leiste und wie wenig es auch sein möge, den alten wohlbegründeten Ruhm Weimars, dieser Heimath der Musen, zu mehren bestimmt ist, – das ist es, was man ihm zum Vorwurf macht. Die deutsche Shakespeare-Gesellschaft, flüstert man, ist nicht um Shakespeare's, sondern um Weimars willen gegründet, nur in's Leben gerufen, damit in literarischen Kreisen, in Zeitungen und Journalen einmal wieder von Weimar und seinen Verdiensten um die deutsche Poesie und Literatur die Rede sei; sie wird daher auch nur zu diesem Zwecke ausgebeutet werden, und mithin wenig oder nichts leisten. - Es bedarf keiner Widerlegung dieses Geredes: die Thatsachen haben es bereits klar widerlegt und werden es hoffentlich noch klarer widerlegen. Nur das Eine muss ich aussprechen: wenn Weimar und insbesondre sein edles Fürstenhaus seinen Ruhm darin setzt, die deutsche Kunst, Poesie und Literatur nach Kräften zu fördern, wenn es den alten Ruhm und die grossen Verdienste, die es in dieser Beziehung sich bereits erworben, zu mehren bestrebt ist, so kann das deutsche Volk dies hochherzige Streben nur durch innige Dankbarkeit und Verehrung vergelten, so können die deutschen Fürsten nichts Besseres thun als um diesen Stolz wetteifernd mit Weimar zu ringen. Die Kunst und Poesie bedarf der Theilnahme, bedarf der Pflege: der Dichter verstummt, der kein Echo findet aus verwandter Brust, aus gleichgestimmten Seelen; der Maler erlahmt, der seine Bilder um sich her zur Bildersammlung anwachsen sieht, statt sie in fremden Sammlungen zu erblicken. England hat seine alte, reiche, wahrhaft aristokratisch gesinnte Aristokratie, die es für Pflicht hält, nicht nur den grössten Theil der Staatslasten zu tragen, nicht nur alle Wohlthätigkeitsvereine reichlich zu unterstützen, sondern auch Bücher zu kaufen, Kunstwerke zu bestellen, Museen und Bibliotheken anzulegen und zu mehren. Deutschland besitzt keine solche Aristokratie, in Deutschland liegt die Sorge für Kunst und Literatur den Fürsten und Regierungen ob. Nun denn, wenn Weimar und sein edles Fürstenhaus vorzugsweise mit Ernst und Eifer sich dieser Sorge annimmt, so konnte die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft keinen besseren Ausgangspunkt, keinen geeigneteren Stütz- und Mittelpunkt finden als eben Weimar: der Name Weimar verbürgt ihr gewissermassen schon für sich allein die Hoffnung auf eine gedeihliche Wirksamkeit. Aus vollem Herzen und von ganzer Seele sprechen wir

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