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Shakespeare's Geltung für die Gegenwart.

Von

Karl Elze.

Seit der dreihundertjährigen Jubelfeier Shakespeare's und der daran geknüpften Gründung der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft haben sich wiederholte Stimmen gegen diesen, ihrer Meinung nach, übertriebenen Cultus des Genius erhoben und es gewissermassen für ibre Pflicht gehalten, sich dem Leberschwange der Bewunderung und Verehrung entgegenzustemmen und beide auf ihr richtiges Mass zurückzuführen. Die zwei hervorragendsten Chorführer dieses den langsamen Walzer der Abkühlung tanzenden Reigens sind G. Rümelin in seinen „Shakespeare-Studien“ und der Verfasser des Artikels „Die Shakespeare-Gesellschaft und das Shakespeare-Jalırbuch“ in der Zeitschrift ,,Unsere Zeit“, 1863, S. 831-861. Aus innern und äussern Gründen ist der letztere augenscheinlich kein anderer als R. Gottschall, der Herausgeber dieser Revüe und zu gleicher Zeit Vorstandsmitglied der Shakespeare - Gesellschaft. Rümelin bemerkt in der Vorrede ausdrücklich, dass die Flut von Schriften und Reden, die auf das dritte Säcularfest der Geburt Shakespeare's den deutschen Büchermarkt übergoss, ihm das Mass voll gemacht und ihm, der „zu dem Fache der Aesthetik und schönen Literatur von jeher nur das Verhältniss des einfachen Lesers, Laien und Liebhabers batte“, die Feder in die Hand gezwungen habe. Er hat sich von vorn herein als Realisten bezeichnet, und wir dürfen daher von ihm, wenn auch nicht eine feindselige Richtung, so doch keine warme

Sympathie und kein inniges Verständniss für die Poesie, die zu den idealsten Gütern der Menschheit gehört, erwarten. Sein Werk zeigt uns den Dilettantismus in seiner ganzen Schwäche und Nichtigkeit; es entbehrt auf der einen Seite der Grundlagen wissenschaftlicher Aesthetik und Kritik, wie einer tüchtigen philologischen Kenntniss Shakespeare's auf der andern. Wirkliche philologische Studien würden dem Verfasser ,yeoman's service gethan und ihn über Manches aufgeklärt haben, während er so überall auf Trugschlüsse und Abwege gerathen ist. Er hat, wie das volksthümliche Sprüchwort sagt, läuten hören, aber nicht zusammenschlagen. Es würde eine keineswegs schwierige, aber wenig dankbare Arbeit sein, die zahlreichen thatsächlichen und kritischen Irrthümer der Schrift im Einzelnen nachzuweisen, zumal die vom Verfasser gegen Shakespeare erhobenen Vorwürfe keineswegs neu sind. Sie laufen fast wörtlich auf folgende Stelle in Schlegel's Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur (Sämmtliche Werke 6, 173) hinaus: „Was half Shakespeare die Bildung seines Zeitalters? Er hatte keinen Antheil daran. In niedrigem Stande geboren, ohne Erziehung, unwissend, lebte er in gemeiner Gesellschaft und arbeitete um den Tagelohn für ein pöbelhaftes Publikum, ohne den geringsten Gedanken an Ruhm und an die Nachwelt. Schon Schlegel hat diese gegnerische Stimme damit abgefertigt, dass an alle dem kein wahres Wort ist, wiewohl es tausendmal wiederholt worden. Dass jetzt die alten, seitdem noch viel gründlicher widerleyten Irrthümer von Neuem auftauchen, beweist nur, ein wie gefährliches Ding die Halbwisserei ist, und dass sich nur durch eine strenge Methode ein sicheres Ergebniss wissenschaftlicher und gelehrter Untersuchungen erreichen lässt. Trotz alle dem wird Rümelin's Buch von Gottschall in den Bl. f. lit. U. 1866, No. 104-11 als „der Anfang echter ShakespeareKritik“ gepriesen, obgleich derselbe nicht umhin kann, dem Verfasser selbst in wesentlichen Punkten entgegenzutreten.

Im Gegensatz zum Realisten ist Gottschall der ästhetischen Kritik nicht nur theoretisch kundig, sondern auch in ihrer Handhabung seit langer Zeit geübt. Ihm fehlt es keineswegs an der richtigen Methode, und auch seine Kenntniss Shakespeare's dürfte die des Realisten übertreffen. Die über das Maass hinausgehende Heftigkeit, mit welcher er gegen den Shakespeare-Cultus zu Felde zieht, fliesst aus ganz andern Quellen. Sagen wir es mit Einem Worte nur gerade heraus – er fühlt sich als Concurrenten!! Shakespeare ist ihm im Wege. Es seien Stimmen laut geworden, sagt er, obue hinzuzufügen von wem, dass „ohne Zweifel durch die unbedingte

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Jabrbuch ul.

Verherrlichung grosser, der Vergangenheit angehöriger Dichter dem gegenwärtigen Geschlecht der Raum fortgenommen werde, den es zur Entfaltung und Geltendmachung seiner eigenen Bestrebungen braucht; das concentrirte Licht, das einem solchen Unsterblichen zugewendet werde, setze nothwendig die spätern Schöpfungen in Schatten. Gerade zur Zeit Shakespeare's selbst habe man keine Abgötterei mit vergangenen Grössen getrieben (uns dünkt, weil keine da waren), sondern frisch drauf los geschaffen. Der Boden sei frei gewesen, nicht beengt durch aufgebaute Ruhmesmonumente.“ Weiterhin heisst es, dass, da Shakespeare's Stücke „über unsere Bühnen gehen und den deutschen Dramatikern Concurrenz machen“ (hinc illae irae!), die Frage tiber das Vergängliche und Bleibende in Shakespeare nicht bloss eine theoretische, sondern auch eine praktische Bedeutung hat. Endlich wird den Theaterintendanten Schuld gegeben, dass „der Nimbus der Classicität, die Wohlfeilheit, indem an Shakespeare keine Tantièmen gezahlt zu werden brauchen, und die Mode sie bestimmten, den Tribut, den Shakespeare der Thalia gezahlt, unserm Publikum allmählig herauszuzahlen.“

Es liegt auf der Hand, dass diese Argumente mit gleichem Rechte wie gegen Shakespeare, so auch gegen unsere eigenen Klassiker, gegen Lessing, Göthe und Schiller geltend gemacht werden können. Auch ihre Ruhmesmonumente beengen das Feld für die heutigen Bübnendichter; auch an sie brauchen die Theaterdirektoren keine Tantièmen zu zahlen; auch sie müssen mithin die Klagen der gegenwärtigen Dramatiker über eine „unberechtigte (!) Concurrenz“ hervorrufen. Also fort mit ihnen vom Repertoir, fort zu den Todten, nur die Lebenden haben Recht. Vivat Frau Birch-Pfeiffer und Genossen!

Der Verfasser ist jedoch nicht zufrieden damit, Shakespeare von der Bühne zu weisen, sondern ergeht sich in nicht minder ungerechter Schmähung gegen die Shakespeare - Philologie, wenn uns dieser Ausdruck gestattet ist. Das gegenwärtige Jahrhundert, meint er, habe damit begonnen, ,,Shakespeare-Nüsse zu knacken“, was ,,eine den Scharfsinn übende, dilettantische Beschäftigung“ sei. Das handwerksmässig betriebene Studium Shakespeare's sei eine neue philologische Einseitigkeit, während sich die Philologie bereits 'in ein unermessliches Detail nach allen Seiten hin verzettele. Es fehle dieser Alterthümelei, die überall nach Schätzen grabe und froh sei, wenn sie Regenwürmer finde, noch der glückliche Zufall, dass irgend ein Pfahlbaudichter entdeckt werde, in dessen Runen sie sich vertiefen könne. Eine Gesellschaft, die zusammentrete, um sich über Shakespeare - Lesarten zu unterhalten oder um dicke Bücher über allerlei Shakespeariana zu veröffentlichen, sei bei aller Textaufhellung im Lichte der Gegenwart betrachtet nur ein neuer Obscurantismus. Er verwarnt die Shakespeare-Gesellschaft ernstlich, sich nicht „in ein Brutnest philologischer Conjecturenjäger zu verwandeln, welche alljährlich mit einigen neuen glücklich getroffenen Lesarten in der Jagdtasche die Bewunderung des Publikums herausfordern“. Der Herr Verfasser mag uns entschuldigen, allein uns scheint eine glucklich getroffene Emendation oder Erklärung der Sache förderlicher und eines Vorstandsmitgliedes der Shakespeare-Gesellschaft würdiger zu sein als sein ganzer Aufsatz. Was meint der Verfasser dazu, dass bereits zahlreiche Emendationen so sehr in Fleisch und Blut des Shakespeare-Textes übergegangen sind, dass nur noch die Gelehrten vom Fach ihre Herkunft kennen?

Wenn nun aber Shakespeare als Tantièmenräuber auf der Bühne nicht mehr geduldet werden soll und die Shakespeare - Philologie nichts als ein neuer Obscurantismus ist, welche Geltung hat dann Shakespeare überhaupt noch für unsere Zeit? Soll er vielleicht unseren Gebildeten zur Lesung empfohlen oder wenigstens gestattet werden? Aber gegen eine solche Concurrenz könnten sich am Ende unsere Romanschreiber mit nicht geringerem Rechte erheben als die Bühnendichter gegen die Aufführung Shakespeare's. Auch würde ein solches gebildetes Lesen ohne Zweifel auf der einen Seite bald zum gelehrten Studium verlocken, während es auf der andern dahin drängen würde, sich den Dichter durch die sinnliche Darstellung verlebendigt zu sehen, was doch beides verpönt ist. Nur Ein Feld ist übrig, welches der Verfasser nicht abgeschnitten hat, das ist die ästhetische Kritik, oder wie er sich ausdrückt, das „ästhetisch-dramaturgische Charakterbild“. Vielleicht gedenkt er, da er in den bisher grössten Leistungen auf diesem Gebiete nur den ,,Bankerott der Kritik“ erkennt, hier selbst noch Lorbeeren zu ernten, wozu er in der That durch seine Auffassung Shylock's bereits einen beachtenswerthen Anfang gemacht hat. Er erblickt in ihm nämlich eins der „verrücktesten Scheusale in einer eben so unnatürlichen als widerwärtigen Fabel“, einen „blutdürstigen Bajazzo, in welchem der Dichter zur Freude der Gründlinge im Parterre das auserwählte Volk lächerlich machte“.

Die ästhetische Kritik Shakespeare's ist ohne Zweifel vollkommen berechtigt, und es kommt uns nicht in den Sinn, ihr zu nahe treten zu wollen. Allein die Darstellung Shakespeare's auf der Bühne und die philologische Behandlung seiner Werke sind an und für sich nicht minder berechtigt und für den gewissenhaften Aesthe

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tiker obenein unentbehrliche Hülfsmittel. Der Vorstand der Shakespeare-Gesellschaft vereinigt in sich, wie Gottschall hervorhebt. Vertreter der schönen Literatur, Aesthetiker und Philologen, um von den begeisterten Freunden des Dichters abzusehen deren Beschäftigung mit ihm weder in das rein literarische, noch in das gelehrte Gebiet fällt, die aber dessenungeachtet der Sache mit nicht geringerem Eifer und Nutzen dienen. Weit entfernt, sich feindlich gegenüber zu stehen, sind diese verschiedenen Richtungen recht eigentlich auf ein harmonisches Zusammenwirken angewiesen; sie ergänzen eine die andere und können sich gegenseitig nicht entbehren, wenn sie nicht in unfruchtbare und zu falschen Ergebnissen führende Einseitigkeit ausarten sollen. Nur muss, nach Lessing's goldener Regel,

der Knorr den Knubben hübsch vertragen; Nur muss ein Gipfelchen sich nicht vermessen,

Dass es allein der Erde nicht entschossen. Die Zusammengehörigkeit der genannten drei Faktoren lässt sich jedoch nur dann in das rechte Licht stellen, wenn wir die umfassendere Frage nach dem Verhältniss Shakespeare's zur Gegenwart überhaupt zu lösen versuchen. Eine solche Untersuchung ist insofern keine erfreuliche Arbeit, als es schwer ist proprie cornmunia dicere. Fast alle Argumente, die wir in's Feld zu führen vermögen, sind keine von uns ausgehobenen Rekruten, sondern gediente Veteranen. Dadurch wird zwar der Sieg erleichtert, aber das Verdienst und der Ruhm, die Armee selbst herangebildet zu haben, geht verloren. Uns auf Gervinus und Ulrici zu stützen, wollen wir jedoch absichtlich vermeiden, da die Gegner einmal das Todesurtheil über sie gefällt haben. Nur Schlegel können wir uns nicht enthalten hier und da heranzuziehen, um so mehr als er gegenwärtig einer unverdienten Nichtbeachtung anheimgefallen zu sein scheint.

Mag es immerhin ein Gemeinplatz sein, dass der Dichter ein Kind seiner Zeit ist, so ist es doch ein sicherer Ausgangspunkt, in welchem sich die verschiedensten Richtungen begegnen. Im Dichter pulsirt das gesammte geistige Leben, das Denken und Fühlen seiner Zeit; die politischen Kämpfe und Strebungen, die religiösen Anschauungen und Speculationen, die gesellschaftlichen Interessen, selbst die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung spitzen sich in ihm zum höchsten und edelsten Ausdruck zu. Dem entsprechend findet er auch bei seiner eigenen Zeit das allgemeinste und unmittelbarste Verständniss. Die tausend Fäden, die Ein Tritt regt, die tausend Verbindungen, die Ein Schlag schlägt, liegen zunächst in

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