Imagens das páginas
PDF
ePub

dem Kriege angefangen war, ist in der Feder stecken geblieben; mancher andere hat den Weg vom Kopfe zur Feder gar nicht gefunden. Das gilt besonders von den Berichten, welche sachkundige und geistvolle Köpfe aus Wien, Berlin, Dresden und andern Hauptstädten mir über die dort stattgefundenen Shakespeare-Aufführungen der letzten Jahre zu liefern versprochen hatten. Durch das Ausbleiben dieser Berichte, sowie eines grösseren, ebenfalls fest zugesagten kritischen Aufsatzes von Michael Bernays über die Shakespeare-Studien des Realisten, ist dem Jahrbuche die empfindlichste Lücke geschlagen worden, da es in meinem Plane lag, diesmal mehr, als in dem schnell entstandenen ersten Bande geschehen konnte, das Wirken und Walten des Dichters in den geistigen Strömungen der Gegenwart zu zeigen. Doch trotz des Fehlenden, das zudem Niemand so schmerzlich vermissen wird wie ich selbst, kann sich dies Jahrbuch mit Ehren sehen lassen in der Nähe und Ferne, und wird es den Freunden des Dichters mehr Neues, Belehrendes und Anregendes bieten, als sie bei der Ungunst der Zeiten erwarten dürften.

Die Verbindungsfäden zwischen dem ersten und zweiten Bande schlägt unser vortreffliche Altmeister Ulrici durch seinen erschöpfenden, durchweg beherzigenswerthen und musterhaften Jahresbericht“.

Dann folgt ein (wenn wir nicht sehr irren, von Damenhand geschriebener) interessanter Aufsatz: „Die Charakterzüge Hamlet's, nachgezeichnet von einem Nichtphilosophen.“ Sicher wird es vielen Lesern voh Interesse sein, zu sehen, wie der Charakter des vielgeprüften Dänenprinzen im Kopfe einer feingebildeten, geistreichen Dame sich abspiegelt. Dasselbe unerschöpfliche Thema behandeln noch ein paar Aufsätze von Männerhand, die zu lehrreichen Vergleichungen Anlass bieten.

Der Name Friedrich Vischer's allein genügt, die allgemeine Aufmerksamkeit auf seine Abhandlung: „Die realistische Shakespeare-Kritik und Hamlet“ zu lenken.

Wilhelm Rossmann war uns früher nur als Historiker bekannt; durch seine geistvolle „Charakteristik Hamlet's für Schauspieler“ wie durch seine Mittheilungen über die Shakespeare - Aufführungen auf der Hofbühne zu Meiningen, zeigt er sich berufen, auch auf ästhetischem Gebiete ein vollgiltiges Wort mitzusprechen.

Otto Devrient's trefflicher Bericht über die, unter der rühmlichst bewährten Leitung seines Vaters auf der Hofbühne in Karlsruhe zur Darstellung gekommenen Shakespeare-Dramen giebt in kurzer und bündiger Form viel beherzigenswerthe Winke. Ihm schliessen sich die Mittheilungen des Anonymus über die Shakespeare - Aufführungen in Stuttgart, und mein eigener Bericht über diejenigen in München, an. Dass mein Wunsch, auch die übrigen Bühnen in ähnlicher Weise vertreten zu sehen, nicht erfüllt wurde, ist, wie schon bemerkt, nicht meine Schuld; an Bemühungen dazu hab' ich es nicht fehlen lassen.

Eine würdige Ergänzung der dramaturgischen Aufsätze aus der unmittelbaren Gegenwart bietet Ulrici's aus lebendiger Erinnerung geschöpfte Charakteristik Ludwig Devrient's als König Lear. Ich habe noch keinen Darsteller des Lear gesehen, der nicht Ursache hätte, durch das Studium dieser Skizze seine Auffassung der überaus schwierigen Rolle zu vervollkommnen.

W.Oehlmann's: „Cordelia, als tragischer Charakter“

ist ein schätzenswerther Beitrag zur Lösung der Frage nach dem Verhältniss von Schuld und Sühne bei Shakespeare.

Albert Lindner beweist durch seinen überzeugenden Nachweis der oft angezweifelten , dramatischen Einheit“ in Julius Caesar, sowie durch seine „Bemerkungen über symbolische Kunst im Drama, mit besonderer Berücksichtigung Shakespeare's“, dass er sich durch ernste Studien auf seinen dramatischen Beruf vorbereitet hat.

Mit liebevollem Eingehen behandelt Friedrich Förster in seinem Aufsatze „Shakespeare und die Tonkunst“ das Verhältniss des Dichters zur Musik.

Karl Elze führt durch seine polemisch gewürzte Abhandlung: „Shakespeare's Geltung für die Gegenwart“ in das Gebiet der - philologischen Kritik hinüber, welche in diesem Jahrbuche durch zwei berühmte Gelehrte vertreten ist: durch den Engländer C. M. Ingleby und durch unsern Landsmann Nicolaus Delius.

Ingleby, dem wir die vollständigste Uebersicht ') und Enthüllung der Shakespeare-Fälschungen verdanken, welche ihrer Zeit soviel Aufsehn in der Welt machten, liefert hier, als Vorläufer eines grössern Werks, Beiträge zur Wiederherstellung des Shakespeare'schen Textes. Ich habe es für überflüssig erachtet, seinen Essay zu übersetzen, weil derselbe, seinem Hauptinhalt nach, auch in deutschem Gewande, jedem der englischen Sprache nicht Kundigen doch unverständlich bleiben würde.

1) A complete view of the Shakspere Controversy, concerning the authenticity and genuineness of manuscript matter affecting the works and biography of Shakspere, published by Mr. Payne Collier as the fruits of his researches. By C. M. Ingleby, LL. D. of Trinity College, Cambridge.

London: Nattail and Bond. 1861.

Nicolaus Delius liefert durch seine scharfsinnige, eingehende und ausführliche Analyse des „Timon von Athen“ den überzeugenden Nachweis, dass diese Tragödie, im grossen Ganzen, nicht von Shakespeare herrührt, sondern die Arbeit eines anonymen Vorgängers ist, welcher Shakespeare, ohne Rücksicht auf Zusammenhang oder einheitliche Haltung, mit Ausmerzung der entsprechenden Scenen des Anonymus, solche Scenen oder Reden einverleibt hat, welche dem psychologischen Interesse an der Figur des Timon selber entspringen oder dienen mochten.

Freiherr von Friesen bietet werthvolle Bemerkungen zu den Altersbestimmungen für einige Stücke von Shakespeare“ (Comedy of Errors; Al's well that ends well; Love's labour's lost). In einem zweiten Aufsatze: „Eduard III., angeblich ein Stück von Shakespeare“, kommt derselbe gründliche Forscher durch eine feine Analyse dieses historischen Dramas zu dem Schluss, dass es, trotz seiner grossen poetischen Schönheiten, Shakespeare nicht zum Verfasser haben könne.

Erwähnen wir nun noch, mit Uebergehung der kleinen Notizen, die wieder meisterhaft abgefasste „ShakespeareBibliographie von Albert Cohn“, welche den würdigen Abschluss des Jahrbuchs bildet, so haben wir den Ueberblick der Beiträge, die es schmücken, vollendet. Bei diesem Ueberblick war nicht die Reihenfolge massgebend, in welcher die Aufsätze gedruckt wurden, sondern der Plan, welcher der Redaktion vorschwebte, dessen strenge Durchführung aber der Natur der Sache nach unmöglich war. Die Beiträge treffen nie in der gewünschten Reihenfolge ein, man kann nicht abwarten, bis Alles beisammen ist, und wenn die Presse nach Manuskript lechzt, so muss ihr

in den Schlund geworfen werden, was eben Gutes vorliegt. Viele Beiträge laufen ein, die man beim besten Willen nicht brauchen kann, und andere, fest zugesagte, sehnlichst herbeigewünschte, bleiben aus. Hier liegt der schlimmste, zeitraubendste, aber den Lesern glücklich verhüllte Theil der Redaktionsarbeit, welche länger fortzuführen mir durch meine erschütterte Gesundheit und neue Berufspflichten unmöglich gemacht wird. Doch ist das Fortbestehen des Jahrbuchs jetzt als gesichert zu betrachten, meine lebhafte Theilnahme wird ihm nie fehlen und bei der demnächst stattfindenden General - Versammlung der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft in Berlin wird der Vorstand leicht ein Mitglied ausfindig machen, das sich besser zur Leitung der Redaktionsgeschäfte eignet als ich. Mir bleibt nur noch übrig, den lieben und verehrten Mitgliedern des Vorstandes, die mir fördernd zur Hand gegangen sind, sowie den trefflichen Mitarbeitern meinen herzlichen Dank zu sagen, und die Leser und Beurtheiler des Jahrbuchs für diesen zweiten Band um dieselbe freundliche Nachsicht zu bitten, welche der erste Band in so reichem Maasse gefunden hat.

München, 24. Februar 1867.

Friedrich Bodenstedt.

« AnteriorContinuar »